Sexueller Missbrauch an Kindern

Im Familienministerium gabs neulich die Aufklärungsbroschüre „Mutig fragen – besonnen handeln“ des BmfSFJ zum mitnehmen. Das war dann meine gestrige Abendlektüre. Zwar bin ich mit dem Thema sehr vertraut, aber mich hat interessiert, was das Familienministerium dazu so schreibt und ob man da vielleicht noch was mitnehmen kann für sich selber.

Erstmal finde ich es gut, dass es eine solche Aufklärungsbroschüre gibt, das Thema wird in Deutschland meines Erachtens nach nicht oft und deutlich genug angesprochen – wenn es nicht gerade einen aktuellen Anlass in der Presse gibt. Dennoch habe ich nach Lesen des Heftes einen richtig faden Beigeschmack 😦

Auf Seite 11 geht es schon los:

Etwa 90% der Menschen, die einen Missbrauch begehen, sind männlich. In einigen Fällen missbrauchen auch Frauen und weibliche Jugendliche.“

Das sind Zahlen, die nicht nur mir unglaubwürdig erscheinen. Allein die „Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz, Landesstelle NRW e.V.“ geht von 10-15% Täterinnen aus. Der Kölner Verein „Zartbitter“ sogar von bis zu 25%. Die britische Kinderschutzorganisation „Lucy Faithful Foundation“ spricht von 64.000 weiblichen Tätern im Vereinigten Königreich aus. Das wäre jeder fünfte. Wie kommt das?

Fakt ist, dass in Deutschland 98% der angezeigten Fälle sexuellen Missbrauchs von Männern begangen werden, nur 2% von Frauen. Die Dunkelziffer dürfte hier aber erheblich höher sein. Es ist ein gesellschaftliches Problem, dass Menschen, die Opfer einer Frau geworden sind, sich nicht trauen, Anzeige zu erstatten, aus Angst dass man ihnen nicht glaubt. Aus Angst, dass man sagt, eine Frau können doch keinen Jungen/Jugendlichen zwingen.

Fakt ist, dass in ca. 40% der Fälle die Mütter von Übergriffen auf ihre Kinder wissen und aktiv daran beteiligt sind, diese Übergriffe zu vertuschen.

Ingo Fock, Vorsitzender vom „gegen-missbrauch e.V.“ dazu:

„Sie wollen die Familie erhalten oder ihre Beziehung zum Partner retten,
und opfern dafür ihr Kind.“

Wir haben es hier vor allem mit einem Problem gesellschaftlicher Wahrnehmung zu tun. Wenn man sich z.B. diesen Artikel der FAZ anschaut bemerkt man, dass hier nur von Männern als Täter die Rede ist. Dabei ist der Artikel aus dem Jahr 2007 und nicht aus den frühen 80ern!

Wenn wir schon dabei sind: Das Projekt „Kein Täter werden“ an der Berliner Charité ist in erster Linie nur für Männer gedacht. Da wundert man sich, dass sich in all der Zeit nur zwei Frauen beworben haben um an der Selbsthilfegruppe teilzunehmen, wenn sie das Gefühl haben, sich da nicht melden zu dürfen.

An und für sich ist diese Projekt eine erstklassige Sache. Menschen helfen, bevor sie zu Tätern werden, ist absolut genial und muss viel weiter ausgebaut werden. Bisher gibt es das besagte Projekt nämlich nur in Berlin, Hamburg, Hannover, Kiel, Leipzig und Regensburg. Die Wartelisten sind endlos, die Menschen wollen Hilfe in Anspruch nehmen, die Plätze sind derzeit nur nicht da!

Laut offiziellen Angaben gibt es jährlich etwa 15.000 Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern. Experten schätzen, dass dazu weitere 60.000 unentdeckte Fälle dazu kommen. Wir müssen doch alles mögliche nutzen, diese Zahl insgesamt zu verringern, aber auch dafür zu sorgen, dass die Dunkelziffer sinkt weil mehr Anzeigen erfolgen!

Dazu hat die Broschüre schon den nächsten Satz, den ich als Schlag ins Gesicht empfinde:

Unter anderem stellt sich die Frage, ob eine Strafanzeige erstattet werden soll. Dies ist eine weitreichende Entscheidung, bei der das Wohl des Kindes und die zukünftige Unversehrtheit im Mittelpunkt stehen sollte.

Bitte? Ich weiß, wie schwer eine Anzeige für das betroffene Kind ist, wie schwierig es ist, eine einmal gemachte Aussage unter Umständen immer und immer wieder machen zu müssen. Und auch, wie schwer das für die Familienmitglieder ist. Aber Fakt ist: Jede Tat muss zur Anzeige gebracht werden. Es ist wichtig, dass man Eltern erklärt, dass jede Anzeige, die zu einer Verurteilung führt, eventuell ein anderes Kind vor Missbrauch schützt! Wie kann die offizielle Broschüre des Familienministeriums das vernachlässigen und noch dazu raten, sich eine Strafanzeige gut zu überlegen? Ich bin schockiert.

Zu allerletzt ist, meiner Meinung nach, Seite 13 der Broschüre erwähnenswert, die – so empfinde ich das – den sexuellen Missbrauch in gewisser Hinsicht relativiert:

In vielen Fällen besteht ein fließender Übergang zwischen sexuellen Übergriffen und strafrechtlich relevanten Formen sexueller Gewalt.“

Ein sexueller Übergriff ist zum bEispiel, wenn ein Erwachsener von einem Kind Zärtlichkeiten verlangt, wiederholt wie zufällig die Brust oder Genitalien eines Mädchens beührt, beim Duschen im Schwimmbad intensiv auf den Penis eines Jungen schaut, sexuell getönte Bemerkungen über die körperliche Entwicklung von Kindern macht oder sexuell gefärbte Spielanleitungen gibt (Flaschendrehen mit Entkleiden).

Das obige Zitat erweckt den Eindruck, dass z.B. die oben aufgeführten „zufälligen Berührungen“ keine strafrechtlich relevante Form des Missbrauchs ist. Und das stimmt einfach nicht!

Alles in allem: Ein gutgemeinter Info-Ratgeber, der leider wieder bestätigt, dass „gut“ oftmals das Gegenteil von „gut gemeint“ ist. Es ist schade, dass ausgerechnet Frau Schröder als Familienministerin da nicht besser informiert.


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5 Kommentare zu “Sexueller Missbrauch an Kindern

  1. Die Zahlen in Broschüren finde ich gar nicht so wichtig. Wichtiger ist das Wahrnehmen. Immerhin wird Missbrauch durch Frauen nicht mehr völlig totgeschwiegen. Das war lange anders.

    Zahlen können nur durch Anzeigen und Schätzungen erhoben werden. Von „es gibt keine Täterinnen“ bis hin zu Anzeigen, dauert es schon, erst wenn es zu Verurteilungen kommt, tauchen Frauen in diesen Statistiken auf.

    Strafanzeige stellen oder nicht? Ja, politisch betrachtet gebe ich dir Recht, es wäre wünschenswert, wenn jeder Fall angezeigt wird. Allerdings ist die Konsequenz einer Anzeige sehr, sehr heftig. Schon für Erwachsene nach sexuellem Missbrauch ist es oft so, dass sie sich gegen eine Anzeige entscheiden. Noch viel mehr muss das für Kinder gelten.

    Ich bin überzeugt, dass die Anzeige nicht der wichtigste Punkt ist, um etwas zu verändern. Viel wichtiger ist das Hinsehen, das Wahrnehmen, das Recht der Kinder „Nein“ zu sagen, das Nicht-Verharmlosen von Übergriffen.

    Wir sind uns völlig einig, was diese merkwürdige Unterscheidung von ’sexueller Gewalt und sexuellem Übergriff‘ angeht. Da geht es konkret um’s Verharmlosen, um’s Unterscheiden zwischen „mehr oder weniger schlimm“.

    Was nicht nur dieser Broschüre fehlt, ist die Prävention und das umgehend zu Reagieren bei jedwedem Verdacht. Solange Kinder „Hand geben-müssen“, „Küsschen wem-auch-immer geben-müssen“, solange viele bei allem was sie mitbekommen „Privatsache“ annehmen, solange sind die fehlenden Strafanzeigen das kleinste Problem.

  2. Ja, was den letzten Absatz angeht, gebe ich dir Recht.

    Und ich weiß auch, wie schwierig es ist in so einem Fall Strafanzeige zu stellen. Aber mMn muss so eine Broschüre Mut machen, die Anzeige durchzuziehen und auch deutlich machen, dass es uU ein anderes Kind vor Missbrauch bewahrt!

    Was mich an den Zahlen ärgert, ist dass die gesamte Broschüre immer wieder betont, dass „sowas“ ja fast nur Männer machen und Frauen da ne verschwindend geringe Rolle spielen. Und das ist eben auch genau der Glaube, der in den Köpfen der Eltern vorherrscht. Und DAS ist ein riesiges Problem. Jeder Mann wird unter Generalverdacht gestellt, jede Frau kann frei schalten und walten.

  3. Mut machen zur Anzeige ja auch. Aber nicht nur. Ich habe auch erwachsene Frauen immer auf beide Seiten hingewiesen. Die Anzeige kann auch dazu führen, dass nach der formellen Untersuchung der Hinweis kommt „Verfahren eingestellt“. Oft dauert es lange „sich selbst zu glauben“, nicht immer ist eine Anzeige es wert, diesen Glauben wieder zu erschüttern. Eine Anzeige ist keine Garantie eines hilfreichen Umgangs der Behörden.

    Vor Missbrauch bewahren ist der entscheidende Punkt. Da ist ganz wichtig endlich mal von „dem bösen fremden Mann“ wegzukommen. Denn selbst wenn Täter männlich sind, so sind sie in den seltensten Fällen Fremde. Es sind Familienmitglieder, gute Freunde, Nachbarn, Lehrer, Erzieher…

    Es bewahrt vor Missbrauch, wenn Kinder immer sagen dürfen „Nein, ich will das nicht“. Es bewahrt vor Missbrauch, wenn ein komisches Bauchgefühl nicht zum Wegsehen, sondern zum genau Hinsehen führt. Es bewahrt nicht vor Missbrauch, hilft aber sehr, die Schäden gering zu halten, wenn klar ist „Kindern wird zunächst einmal geglaubt“.

  4. Ich stimme dir absolut zu: Es ist verdammt wichtig, dass Kinder von Anfang an lernen, dass sie nur zulassen sollen, was sie zulassen wollen! Kein „gib der Tante ein Bussi“ und „umarm den Onkel mal“!

    Ich finde es erschreckend, dass Kinder im Durchschnitt 5(!) Erwachsenen von ihrem Missbrauch erzählen müssen, bis ihnen geglaubt wird. Sowas darf einfach nicht passieren!

  5. Sarkasmus an: „Nur vier Erwachsene die es nicht glauben? das ist ein Fortschritt“. Sarkasmus Ende.

    Nicht glauben, hat auch mit „nicht-Wahrhaben-wollen“ zu tun. Es ist so viel einfacher „merkwürdige Geschichten“ ins Reich der Fantasie einzuordnen, als sich auseinanderzusetzen.

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