Wie Herr Stark bewies, dass er in einem Paralleluniversum lebt

Ui ui ui. Man wirft einen Blick ins böse Internet und schon muss man wieder Böses lesen. Heute habe ich zum Beispiel vom Journalistenwatch-Autor Jürgen Stark gelesen*. Daran sind zwei Dinge besonders schlimm: Erstens der Artikel selber, worauf ich noch im Detail eingehen werde. Zweitens die Tatsache, dass der Autor selber „Lehrbeauftragter“ ist und ich nicht glauben kann, dass jemand der so einen Stuss schreibt tatsächlich an Hochschulen einem Bildungsauftrag nachkommen darf.

Herr Stark schreibt in seinem Artikel:

Denn die jetzt aufmarschierende Piratenpartei ist durchsetzt von Mitarbeitern und Betreibern von Computerfirmen, von Nutznießern aus der alles andere als transparenten IT-Branche, die von einem weitgehend gesetzlosen Paralleluniversum im WorldWideWeb extrem profitiert.

Da hat er natürlich völlig Recht. Bei den Piraten gibt es recht viele Informatiker. Mir ist nur unklar, welche Rolle das spielt, nachdem wir auch viele Künstler, Eltern, Lehrer…bei uns haben. Oder dürfen Eltern ab jetzt keine Familienpolitik mehr machen? Lehrer keine Aussagen zu Bildungspolitik mehr treffen?

Und woher er die Tatsache nimmt, dass das Internet ein rechtsfreier Raum ist, oder dass wir Piraten daraus einen rechtsfreien Raum machen wollen…das ist mir auch unklar. Das letzte Mal als ich unser Parteiprogramm gelesen habe (zugegeben, das ist sicherlich schon zwei Wochen her, also korrigiert mich, wenn ich mich irre!) stand da gar nichts was darauf hindeutet, dass wir Piraten alle Gesetze im Internet abschaffen wollen.

Weiterhin schreibt Herr Stark:

Der seit Jahren andauernde Diebstahl der Produkte im Internet, die als geistiges Eigentum gelten, Produkte, in die Dritte investiert haben um diese auf den Markt zu bringen, sind des Wahnsinns fette Beute jener Community, die alles umsonst haben möchte, was da auf Oberflächen flimmert und tönt.

Hier muss ich wirklich die Empfehlung geben, sich mal im Internet umzuschauen. Jedem sollte nach einigen Minuten schon deutlich werden, dass es hier keinesfalls darum geht, „alles umsonst“ zu bekommen. Internetnutzer wollen bezahlen! Wie sonst erklärt man sich Plattformen wie Flattr? Crowdfunding? Freiwillige Bezahlmodelle funktionieren. Auch Amazon hat beispielsweise deutlich gezeigt: Internetnutzer bezahlen auch für Bücher, die sie nicht in Papierform bekommen, sondern lediglich als Datei. Musikplattformen zeigen, dass – obwohl die Möglichkeit des illegalen Downloads besteht – Nutzer sehr wohl Geld für legale Downloads bezahlen. Warum das bei Filmen und Serien bisher nicht klappt? Weil das Angebot schlicht nicht da ist. Und wenn dann zu horrenden Preisen.

Weiter gehts hiermit:

Die Piraten mit ihrem dürren kleinen Programm stehen damit in unrühmlichster Tradition.

GrundsatzprogrammBochumer Beschlüsse, Diverse Landtagswahlprogramme.

Und jetzt der wirkliche Kracher:

Es war Adolf Hitler, der mit seinen deutschen Nazis erstmals das noch junge Urheberrecht mit Enteignung bekämpfte. Die Werke zahlreicher jüdischer Texter und Komponisten wurden in der NS-Epoche „arisiert“, also den Besitzern gestohlen und „dem deutschen Volk geschenkt“.

Sie wollen tatsächlich die Piraten mit den Nazis gleichstellen, weil die Nazis „das Urheberrecht mit Enteignung“ bekämpft haben? Lieber Herr Stark: Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich. Ihre Aussage hier ist ganz klar daneben und dreist. Sie sollten sich schämen, wenn Sie dazu überhaupt in der Lage sind.

Inzwischen vollzieht sich ein ähnlich barbarischer Akt mit gravierenden schädlichen Folgen für die gesamte Kreativwirtschaft. Die Piraten wollen im Internet jeglichen Datenfluss vom einzelnen Urheber abkoppeln, bezahlt wird, wenn überhaupt, mit lächerlichen Pauschalen, die Kontrolle über das eigene Werk wird den Urhebern und Rechteinhabern endgültig genommen. Dabei reiben sie sich wie die Wildsau am Baum der Kreativwirtschaft und beschimpfen und verhöhnen alle, die mit ihren kreativen Leistungen und deren Vermarktung in einem echten beruflichen Zusammenhang stehen.

Wir Piraten haben einen deutlichen Anteil Künstler in unseren Reihen. Diese Künstler wollen, dass sie selber, aber auch andere Künstler, die Kontrolle über ihre eigenen Werke haben und frei entscheiden, ob sie ihre Rechte von Einrichtungen wie beispielsweise der GEMA vertreten lassen. Aber vielleicht weiß Herr Stark ja gar nichts, von der GEMA-Vermutung. Und vielleicht weiß er auch gar nicht, dass wir das Urheberrecht nicht abschaffen wollen, sondern an unsere heutige Zeit anpassen. Vielleicht ist Herrn Stark aber auch einfach nicht klar, dass schon bei der Einführung der Leerkassetten alles gesagt wurde, was er jetzt auch von sich gibt. Vielleicht lebt er ja wirklich in einem anderen Jahrhundert.

Die Piratenpartei sieht künstlerische Werke als Eigentum des Volkes (Honecker und Stalin lachen sich im Jenseits kaputt), zu bezahlen wären diese lediglich mit Spenden.

Was jetzt? „Spenden“, „umsonst“ oder „Pauschalen“? Und once again: Quelle, Herr Stark? Woher nehmen Sie ihr Halbwissen?

In Baden-Württemberg warnt wegen des Piratenerfolges der Karrieremensch Lars Pallasch, Piraten-Landeschef und Manager eines Technologiekonzerns, vor weiteren „Karrieremenschen“ in seiner Partei. Andere Mitglieder wollen nicht nur im Internet fette Dotcom-Beute machen, sondern auch an Land. So gab das Piratenpartei-Mitglied Bodo Thiesen bereits ganz andere Erkenntnisse von sich: „Deutschland hatte jede Legitimation, Polen anzugreifen.“ Genau, bei den Nazis war eben doch nicht alles schlecht, vor allem das Beutemachen konnten die doch ganz gut, oder…?! Auch davon hat man sich natürlich inzwischen distanziert – trial and error?

Was hat Lars berufliche Laufbahn mit den Piraten zu tun? Und was Partei-intern von Bodo Thiesen gehalten wird, ist Ihnen sicherlich auch klar. Was Sie offensichtlich nicht verstehen: Aussagen von Einzelpersonen sind eben nicht die Meinung aller Parteimitglieder. In diesem Fall sogar nicht einmal die Meinung von irgendjemandem außer Bodo Thiesen.

die Piraten wollen mit ihren Tennisarmen weiter ungestört Pornos gucken und alle Lieder dieser Welt hören, sie wollen ein langes Leben im Bademantel, finanziert vom dummen Rest jener Bürger, die noch arbeiten und Steuern zahlen.

Mein lieber Herr Stark, es wird Sie überraschen, aber: Ich bin berufstätig, sogar sehr gerne, und einen Tennisarm hab ich auch nicht. Vielleicht liegt das daran, dass ich als Frau mir beim Masturbieren nur schwer einen Tennisarm antrainieren kann. Ich kann mich mit Ihnen auch gerne über mein Porno-Anschau-Verhalten unterhalten, das aber lieber in einem persönlichen Gespräch. Nur soviel: Sie liegen in ihrer Einschätzung massiv daneben. Auf jedem Level. Bevor sie also das nächste Mal auf einem allzu peinlichen Level ausholen, denken Sie nochmal drüber nach.

Wer sich nicht wegen Kinderpornografie und sexueller Vergewaltigung im Internet aufregt, sondern wegen der staatlichen Maßnahmen dagegen, der hat schon einen ganz besonderen Charakter. Wie ein blutrünstiger Pirat eben. Nämlich gar keinen.

Erst jetzt, wo Sie es sagen, fällt mir auf, dass sich ja wirklich noch NIE ein Pirat über Vergewaltigung und Kinderpornografie im Internet aufgeregt hat. Ich muss sofort alle betreffenden Blogposts entfernen, um ihr Weltbild nicht auseinanderzuwerfen. Scheinbar ist einigen Leuten das Credo „Löschen statt Sperren“ immer noch nicht deutlich geworden. Die Internetsperren waren so banal, dass sie innerhalb von Sekunden von jedem ohne größeres Fachwissen hätten umgangen werden können. „Sperren“ bringt nichts, Kinderpornografie im Netz muss gelöscht werden. Auch hier kann ich Ihnen nur anbieten, Herr Stark, Ihnen in einem persönlichen Gespräch nochmal ein wenig Nachhilfe anzubieten, damit Sie lernen, das zu verstehen.

Für mich bleibt da nur eine Schlussfolgerung: Wir Piraten haben wirklich alle keinen Charakter. Oder Sie, Herr Stark, haben einfach keinen gesunden Menschenverstand und keine Ahnung.

*Edit: Hier stand mal „Heute hat zum Beispiel der Journalistenwatch-Autor Jürgen Stark geschrieben.“, der Artikel ist jedoch, wie ich gerade erfahren habe, schon älter (Mai 2012), ich habe ihn aber erst heute gelesen.


Flattr this

Advertisements

6 Kommentare zu “Wie Herr Stark bewies, dass er in einem Paralleluniversum lebt

  1. also nach dem 4ten abschnitt hab ich aufgehört zu lesen …. das klingt für mich nach nem artikel der komplett durchsetzt ist mit vorurteilen und in keiner weise sachlich an das thema ran geht

  2. Der Herr Stark hat das nicht heute (am 10.1.2013, Datum dieses Blogartikels) sondern bereits am 13.5.2012 geschrieben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s