24/7 Kinderbetreuung

In letzter Zeit waren sie immer wieder im Gespräch – und immer wieder in der Kritik: 24-Stunden-Kitas. Ich selber bin ein großer Verfechter davon, dass wir solche Einrichtungen brauchen. Aber nicht, um Kinder „abzuschieben“ und auch nicht in einem Maß, das für Kinder nicht gesund sein kann.

Wenn man von 24-Stunden-Kitas spricht, kommt die Sprache immer wieder auf einen Film, der auf Youtube umhergeistert: Ein kleiner Junge wird morgens  um vier aus dem Schlaf gerissen, in die Kita gebracht und „schläft“ dort auf einem Feldbett vor dem Fernseher, bis er zur Schule muss. Gegen 22 Uhr wird er wieder abgeholt. Jeden Tag aufs Neue. Das darf nicht passieren. Egal wie dringend man einen Betreuungsplatz mit flexiblen Zeiten braucht, egal wieviele Jobs man hat, egal wieviele Nachtschichten man macht: DAS darf nicht passieren!

Warum ich trotzdem ein Verfechter dieses Kita-Modells bin, ist klar: Der „Standardjob“ von 8-16 Uhr wird immer seltener. Man könnte jetzt sagen, die bösen Arbeitgeber müssen sich halt an die Kita-Zeiten halten, zur Not muss man sie dazu zwingen, aber klappen wird das sicherlich nicht. Zumal es bei flexiblen Kitazeiten nicht um Arbeitgeberwünsche geht, sondern um Selbstverwirklichung und die Chance, sich trotz Krankenhausjob für ein Kind zu entscheiden. Ich würde z.B. gerne im medizinischen Bereich arbeiten…bei der Berufswahl fiel das aber völlig raus, da ich alleinerziehend bin. Und sind wir ehrlich: Wir erwarten, dass der Aldi um die Ecke bis 21 Uhr offen ist, aber wie die Kassiererin ihre Kinder betreut, das ist uns doch egal.

Ich übertreibe, was die aktuell möglichen Betreuungszeiten angeht? Leider nicht:

Den Erkenntnissen des Deutschen Jugendinstituts zufolge öffnen in den alten Bundesländern mehr als die Hälfte aller Einrichtungen (58 Prozent) erst um 7.30 Uhr oder noch später. Abends sieht es nicht besser aus: 43 Prozent schließen bis spätestens 16 Uhr, weitere 43 Prozent bis spätestens 17 Uhr. In Ostdeutschland ist die Lage besonders morgens deutlich entspannter.

Das macht es für Eltern unwahrscheinlich schwierig, Beruf und Kind unter einen Hut zu bringen. Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich nicht der Meinung bin, dass Kinder in 24-Stunden-Kitas „geparkt“ werden. Es muss hier klare Regeln geben, aber wie man am Beispiel der „Nidulus“ sieht, kann das funktionieren. Der Spiegel schreibt dazu:

Die Kleinen verbringen also insgesamt nicht mehr Zeit in der Kita als andere – lediglich zu anderen Zeiten. (…) Für die arbeitenden Eltern entfällt mit dem 24-Stunden-Angebot das ständige Organisieren der Betreuung, das Betteln bei Oma, Opa, Freunden, ob sie einspringen können.

Und genau das ist der Knackpunkt: Klare Regeln, klare Struktur, es hilft Eltern und Kind. Die Eltern sind entspannter, die Kinder haben einen Ansprechpartner und werden nicht „rumgeschoben“. Und sind wir ehrlich: Das Wichtige ist doch, dass jemand nachts da ist, wenn das Kind einen schlechten Traum hatte. Ob das Papa, Oma oder doch der Erzieher ist, ist völlig egal, solange Verlass darauf ist und die Bezugsperson nicht ständig wild durchwechselt.

Und nochmal: Die Kinder dürfen nicht länger in der Kita sein als jetzt schon, sondern zu anderen Zeiten!

Oft höre ich das Argument, Arbeitgeber müssten einfach „familienfreundlicher“ werden (ja, das müssen sie!) und wenn es erstmal flächendeckende 24/7-Betreuung gäbe, dann würden viele Arbeitgeber verlangen, dass Eltern noch länger arbeiten und noch komischere Zeiten akzeptieren würden. Das sehe ich ganz klar nicht so. Mein Arbeitgeber lässt mich nicht deshalb nach 8 Stunden gehen „weil meine Kinderbetreuung nicht länger offen ist“, sondern weil ich 8 Stunden im Arbeitsvertrag stehen und einen Anspruch auf Freizeit habe, verdammt! Ich habe ein Kind, das ich auch sehen will wenn wir beide wach sind. Ich bin Arbeitnehmer, kein Sklave!

Wichtig ist aber auch, dass die vorhandenen Betreuungsplätze für die Kinder eine hohe Qualität haben. Aktuell haben sie das oftmals nicht. Wenn wir uns hier am finnischen Vorbild – wo es übrigens relativ flächendeckend 24/7-Betreuung gibt – orientieren, sieht man schon auf den ersten Blick gravierende Unterschiede:

Bei den Jüngsten bis zu drei Jahren werden höchstens zwölf Kinder von vier Erwachsenen betreut, in der zweiten Gruppe haben wir 21 Vier- und Fünfjährige. Um sie kümmern sich drei Erzieher oder Lehrer und ein Absolvent des Sozialen Jahres. Oft ist noch eine Praktikantin dabei. Also fünf Personen. Die zehn Vorschulkinder haben zwei Betreuer.

Generell finde ich ja: Bei den Finnen können wir uns in Sachen Familienfreundlichkeit noch eine Scheibe abschneiden. Oder mehrere.


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4 Kommentare zu “24/7 Kinderbetreuung

  1. Das ist echt traurig, dass unsere Gesellschaft gezwungen ist die Nicht-Familie immer weiter auszubauen. Unternehmen und Politik sollten in der Lage sein, den Müttern und Vätern alle nötige Zeit für die Kinder zu ermöglichen. Dafür sollten wir kämpfen. Mit Arbeitgebern, Gesellschaft und Politik. Es geht um unsere Kinder. Um deren Geborgenheit. Das Schutz-Gefühl das sie ein Leben lang begleitet. Das ist die wichtigste Grundlage um sicher und aufrichtig durch das Leben gehen zu können. my2cents

    • Ja, das sollten Unternehmen und Politik und da muss auch dringend was passieren. Trotzdem gibt es Eltern, die berufstätig sein _wollen_ und die müssen wir ebenfalls unterstützen. Jeder Elternteil sollte alle Möglichkeiten haben, um selber für sich zu entscheiden, wie seine/ihre Kinder aufwachsen.

  2. Sorry, so ganz kann ich Dir da nicht zustimmen.

    Ok, ich möchte ein Kind haben, aber es darf um Himmels Willen mich weder in meinem privaten noch in meinem beruflichen Leben beeinflussen?
    Des weiteren soll es bitte immer schlafen, und es darf nicht krank werden, da ich sonst meine persönlichen Bedürfnisse zurückschrauben müsste.

    Ein Kind hat das Leben seiner Eltern schon immer extrem beeinflusst. Das war früher stärker als heute. Und das ist gut so. Ein Elternteil soll sich bewusst für sein Kind entscheiden und soll sich verdammt nochmal für sein Kind auch den Arsch aufreißen. Er soll nicht weniger als sein Leben für sein Kind geben. Nur so werden die Kinder in unserer Gesellschaft den Stellenwert bekommen den sie verdienen. Es muss nicht die gesellschaftliche Pflicht sein Kinder zu zeugen, sondern die Überzeugung der Eltern.

    Wenn das im Gegenzug bedeutet das weniger Kinder geboren werden, hat das vermutlich auch einen guten Grund. Denn kein Kind kann Eltern brauchen, die sich nicht zu 1000% für sie einsetzen.

    Ich sage das als Mann der in Teilzeit wechselt während seine Frau weiter voll arbeitet.

    • Du sagst also in deiner Logik, Kindern deren Eltern beide berufstätig sind geht es schlechter? Und sobald man ein Kind hat, darf man gefälligst nicht mehr im Krankenhaus arbeiten, weil man da ja Nachtschichten machen muss? Oder sollen Krankenschwestern sich zwischen Job und Kinderwunsch entscheiden? Und sowieso: Wenn dann jemand doch mal alleinerziehend wird, muss er dann das Kind aufgeben…oder den Job? Du siehst hoffentlich, so ganz macht das keinen Sinn und wir brauchen trotzdem Betreuungsplätze 😉

      Ich bin übrigens berufstätig, wenn mein Kind krank ist bin ich trotzdem uneingeschränkt da und das auch gerne.

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