Drogen und die Vernunft

Wir leben in einer Gesellschaft, die scheinbar auch viele viele Jahre nach der Unterzeichnung des Einheitsabkommens über die Betäubungsmittel nichts dazu gelernt hat. Anders kann ich mir nicht erklären, warum wir immer noch glauben, Alkohol und Zigaretten seien „weiche“, LSD und Heroin allerdings „harte“ Drogen.

Die einzige – aktuell realistische – Einschätzung die wir bezüglich Drogen vornehmen können ist die: Legal und illegal. That’s it. Legale Drogen sind deswegen nicht „weich“, illegale noch lange nicht „hart“. Wir haben uns damals(tm) für eine Drogenpolitik entschieden, die keinen Sinn macht. Statt Drogen nach ihrem Gefährdungspotential oder ihrem Abhängigkeitsrisiko einzustufen, haben wir uns entschieden, augenscheinliche Willkür walten zu lassen. Das ist an und für sich nichtmal ein Weltuntergang. Die Zeit aus der unsere Prohibitionsgesetze stammen wusste es nicht besser und konnte nicht anders.

Der Weltuntergang ist, dass wir an diesen völlig veralteten Gesetzen festhalten. Trotz neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, trotz des Wissens dass die Prohibition gescheitert ist. Verbote haben seit Jahrzehnten niemanden davon abgehalten Drogen zu nehmen und werden es auch weitere Jahrzehnte nicht tun. Oder hat jemals jemand von euch gedacht:“Oh, ich würd gern einen Joint rauchen, aber ich darf nicht, ist ja verboten.“? Ich sags euch ehrlich: Mir kamen viele Gedanken. Der da gehörte nicht dazu!

Vielleicht ist es wichtig zu wissen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die ein größeres Suchtpotential haben als andere. Sucht ist in vielen Fällen „Ersatzbefriedigung“, was dafür sorgt, dass Menschen die früh gelernt haben ihre Bedürfnisse mit einem Ersatz zu stillen, häufiger ein erhöhtes Suchtpotential haben und leichter in Abhängigkeiten geraten. Der Hintergrund einer Drogensucht ist also – nicht immer, aber oft – eine psychische Krankheit. Und nein, das ist keine Krankheit im gesellschaftlich anerkannten Gesamtbild, leider. Wir wollen in unserer Gesellschaft starke Menschen, die für sich sorgen können, die klar kommen und denen es gut geht. Wir sind immer noch einen großen Schritt davon entfernt, Depression tatsächlich als Krankheit anzuerkennen…wie sollen wir da als Gesellschaft begreifen, dass ungestillte Bedürfnisse (beispielsweise bei Kindern) auch eine Krankheitsform sind, die einen erheblichen Rattenschwanz nach sich ziehen kann?

Zurück  zum Thema: Nicht jeder der (einmal, zweimal oder öfter) Drogen konsumiert ist süchtig. Nicht jeder der Drogen konsumiert ist krank. Viele Abhängige sind es aber. Unsere Drogenpolitik kriminalisiert, jeden. Sowohl die Kranken, als auch die just-for-fun-User. Jeden, egal ob er einmal einen Joint probiert oder sich dreimal am Tag eine Spritze in den Arm jagt. Helfen tun wir leider keinem so wirklich.

Und was ist die Lösung? Im 21. Jahrhundert ankommen, entkriminalisieren, aufklären, unterstützen und vor allem: Diese unsägliche Angst vor dem ultimativ Bösen loswerden. Nebenbei könnte man mit einer vernünftigen Drogenpolitik – oh, jetzt werde ich böse – die marode Staatskasse sanieren. Oder bin ich die einzige, die feuchte Träume davon hat, dass  man Drogen zusammen mit einer kurzen Aufklärung und einem ordentlichen Steuersatz in der Apotheke ausgibt?

Und wem jetzt aus Schreck Zigarette und Schlaftabletten in die Kaffeetasse geplumpst sind: Ja, ich mein das Ernst.


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Ein Kommentar zu “Drogen und die Vernunft

  1. Ich habe bisher deine Artikel über Pädophilie und das hier gelesen und muss sagen – Hut ab. Ähnliche Gedankengänge gingen mir bereits durch den Kopf, aber du hast das mal klipp und klar auf den Punkt gebracht. Du sprichts mir aus der Seele. Schön zu wissen, dass es Menschen gibt, die mit gut geschriebenen Texten das Gleiche denken, wie ich 🙂

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