Das Märchen vom Luxusflüchtling

Immer wieder höre und lese ich, dass ja so viele Asylbewerber nur nach Deutschland kommen, weil sie hier Luxus bekommen können, den sie in ihrem Heimatland nicht haben. Ich muss mich jedes Mal wundern, was die Leute die solche Dinge sagen eigentlich denken. Meistens entscheide ich mich für „nichts“ und dann ist zumindest meine Welt wieder kurz in Ordnung.

Erst heute war in den Nachrichten der Fall eines 16-jährigen. Der Junge sollte mit seiner Familie abgeschoben werden. Seine Reaktion darauf? Er hat einen Abschiedsbrief geschrieben, eine Flasche Shampoo getrunken und sich dann aus 7 Metern Höhe gestürzt. Wer glaubt denn ernsthaft, der junge Mann hätte das getan, weil er auf den deutschen Luxus (den er in der Asylbewerberunterkunft bekommen hat, ha ha) nicht verzichten kann?! Es muss doch jedem klar sein, dass es hier um viel schwierigere, größere Dinge geht.

Vielleicht hilft es, wenn jeder der so etwas sagt, sich mal überlegt, wie das umgekehrt aussehen würde. Sagen wir es mal so: Wenn für jeden Menschen Armut als Grund das eigene Land zu verlassen reichen würde…dann wäre Deutschland schon deutlich leerer, weil viele Deutsche gegangen wären. Und ja, es gibt Länder in denen es den Menschen besser geht, also kommt mir nicht mit dem Märchen vom deutschen Schlaraffenland.

Sich in das Abenteuer zu stürzen das eigene Land, die eigene Familie, Freunde, Gewohnheiten und die Sprache die man versteht einzutauschen gegen eine Welt, die man nicht kennt…das erfordert einigen Mut. Und einige Verzweiflung. Diese Menschen versuchen neu und in Frieden anzufangen, nehmen es in Kauf teilweise Jahre in Sammelunterkünften zu verbringen, ohne selbst verdientes Geld, ohne(!) Luxus, ohne Freunde, ohne irgendwas! Das tun sicherlich einige wenige, weil sie sich hier ein besseres Leben erhoffen. Der Großteil aber tut das, weil er Angst um sein Leben im eigenen Land hat. Weil er politisch verfolgt wird, weil Krieg herrscht, weil er Angst um seine Kinder haben muss.

Ein bisschen mehr Verständnis für diese mutigen Menschen wäre angebracht. Und wer das kapiert hat, dem empfehle ich sich vor Ort zu erkundigen, was die Menschen in Asylbewerberunterkünften brauchen könnten, was man selber vielleicht nicht mehr braucht. Helfen statt Maulen.

[Disclaimer: Ich behalte mir vor, alle jetzt folgenden „Solange die nicht kriminell sind hat ja keiner was gegen die, aber…“-Kommentare zu löschen. Ich bin intolerant gegenüber Intoleranz. Taschentuch?]

Flattr this

Advertisements

Ein Kommentar zu “Das Märchen vom Luxusflüchtling

  1. Und sowas kommt vor allem von sowas, dass dem Bürger™ die ganzen letzten Jahre seit 2006 (Hartz-Reformen – ein Schelm wer da Kausalitäten entdeckt ;)) erzählt wird, wie toll und wunderbar „sein, unser“ Deutschland doch ist. Permanent wird sich mit allem verglichen, denen es vermeintlich „schlechter“ geht. Dass andere Länder Dinge besser machen lassen wir hübsch im Dunkeln, schliesslich soll man ja „stolz“ auf – ja auf was denn eigentlich? – dieses Land sein! Denn „uns geht es schliesslich noch gut! Weil wir so fleissig sind, Exportvizeweltmeister und ach so viel arbeiten!“

    Zu uns nach D kommen wirklich nur die „Wirtschaftsflüchtlinge“, die sonst nirgendwo eine Alternative bzw. Chance bekommen haben. Wir sind i.V. zum Rest von Europa ein Billiglohnland. Wer sich mal ein schönes Bild über die ganzen „Sozialschmarotzer“ und „Wirtschaftsflüchtlinge“ machen will, soll sich morgens bzw. abends mal an die Deutsch-Luxemburgische bzw. Deutsch-Schweizerische Grenze stellen und den dortigen zu tausenden stattfindenden Pendlerverkehr von D und wieder nach D zurück beobachten. Diesen Leuten geht es hierzulande so schlecht, dass sie sich in ihrer „Not“ Aus ihren Einfamilienhäusern auf dem Land in ihren BMWs. Audis und VW Neu- und Jahreswagen über die Grenze machen müssen, weil der Lohn hierzulande nicht mehr ausreicht, um den Lebensstandart zu halten bzw. es auf der anderen Seite der Grenze mehr bringt für den dortigen Lohn zu schuften als in dem Land auf das wir alle so „stolz“ sind und das vor Ausländern geradezu überschwemmt wird -.-

    Ein Großteil der Arbeitnehmer vom Balkan kommt deswegen hierher, weil deutsche (!) Großkonzerne ihnen dort unten Ihre Lebensgrundlage unter den Füßen weggezogen haben. Siehe hierzu ein Artikel auf DLF: http://www.deutschlandfunk.de/begehrtes-land-am-rande-der-karpaten.697.de.html?dram:article_id=254079

    Der ständig niedrige Zins der EZB zwingt Investoren dazu, sich nach Investitionen umzusehen die längerfristig stabil sind weil Guthaben keine Zinsen mehr abwerfen. Immobilien in D sind zu teuer oder unrentabel geworden, deswegen kaufen sie sich für verhältnismäßig billiges Geld dort ein und vertreiben die ansässigen Bauern von ihren Lebensgrundlagen, die dann in die Städte ziehen müssen usw….

    Jeder der auch nur einen Hauch Empathie verspürt wird verstehen, dass man wenn man sich dazu entschlossen hat in ein anderes Land auszuwandern, nicht mal eben vorher noch einen „VHS Kurs in der dortigen Landessprache“ belegen kann, damit man nicht das allseits beliebte: „Der kann doch noch nichtmal deutsch!“ an den Kopf geworfen bekommt etc. pp.

    und ganz ehrlich: Wenn ich mir die Kommentare auf Facebook oder unter Onlineartikeln wie den Misshandlungen in Asylheimen durchlesen müsste und sie verstehen würde, hätte ich auch nicht nur den Hauch einer Motivation, die hiesige Landessprache zu lernen um mir das 1:1 anhöhren zu müssen – meist von Menschen die dann noch schlechter „deutsch“ sprechen als ich…

    just my 2 cents…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s