Das Problem kommt von links

Ich mag nicht mehr. Ich fand Politik schon lange nicht mehr so ermüdend wie jetzt aktuell. Da prügeln sich Neonazis durch die Städte, Asylbewerber werden umgebracht, Flüchtlingsunterkünfte brennen, Moslems leben in Angst vor Gewalt…aber das Problem das alle zu sehen meinen kommt von links. Hauptsache man ist auf dem rechten Auge schön blind und kann den Linken unterschieben sie seien gewalttätig, gefährlich und arbeitslos. Und natürlich vom Staat finanziert, falls ich das vergessen hatte zu erwähnen.

Mir ist vor einiger Zeit aufgefallen, dass in sozialen Netzwerken unheimlich viele Gewaltandrohungen von „Patrioten, aber keine Nazis“ gegen Ausländer, Politiker und Linke kommen. Erst saß ich kopfschüttelnd da und habe den Rotz weggeklickt, dann habe ich angefangen, diese Beiträge zu sammeln. Aber wirklich nur die, die mir zufällig irgendwie angespült werden, ich wollte nicht gezielt nach diesen Sachen suchen. Seit November sind das 90 Screenshots mit Gewaltandrohungen, Volksverhetzung, Ausländerhass, Beleidigungen und Antisemitismus. Einen Höhepunkt hat das Ganze erreicht, als der aus Eritrea stammende Khaled Idris Bahray letzte Woche in Dresden tot aufgefunden wurde. Die harmloseren Sachen waren da noch Sätze wie: „Einer weniger für den wir zahlen müssen!“ Aber das Problem kommt ja von links und ist staatlich finanziert, falls ich das vergessen hatte zu erwähnen.

Ich war immer jemand, der Gewalt abgelehnt hat. Ich wollte gegen Neonazis aufstehen, Rassisten blockieren, dafür sorgen, dass Antisemiten keine Plattform kriegen. Ich wollte dabei nie Gewalt anwenden. Nichts am letzten Satz hat sich geändert, ich sehe das heute noch so. Was sich geändert hat ist meine Reaktion auf Gewalt die Andere gegen Neonazis, Rassisten, „besorgte Bürger“ und Antisemiten verüben. Früher hätte ich das mal verurteilt, wenn ich heute lese, dass es Morddrohungen gegen den Pegida-Organisator und Neonazi Lutz Bachmann gibt dann zucke ich mit den Schultern und innerlich grinse ich vielleicht auch ein bisschen und denke mir, dass es um den Kerl wirklich nicht schade wäre. Ich will nicht so sein, aber ich bin so geworden. Gegen rechte Mühlen anzulaufen die noch dazu durch die Polizei gedeckt und durch die Politik gekuschelt werden („Wir müssen in den Dialog mit Pegida treten“) hat mich radikalisiert.

Ich glaube immer noch nicht, dass diese Trottel die Mehrheit sind – die Pegida-Gegendemonstrationen zeigen das auch ganz klar – aber diese Trottel sind laut, so verdammt laut. Manchmal mache ich mir noch die Mühe mit Fakten gegen solche Leute vorzugehen, aber eigentlich bin ich resigniert und habe aufgegeben.

Und dann sehe ich, was für mediale Aufmerksamkeit diese Leute kriegen. Da werden AfD und Pegida zu Jauch eingeladen. Da bringen Spiegel, Stern und Focus tolle „Wie gefährlich ist der Islam wirklich?“-Titelthemen. RTL schmuggelt einen Reporter zu Pegida und lässt ihn Nazi-Parolen brüllen. Da streut die BILD-Zeitung ausländerfeindliche Saat und wundert sich, wenn diese aufgeht. Da kommt die Polizei-Gewerkschaft an und meint, alle Antifa-Aktivisten hätten ihr Recht auf Versammlungsfreiheit verwirkt weil sie gewalttätig sind. Und die Rechten kraulen sich gegenseitig die Eier weil das Problem ja von links kommt und staatlich finanziert ist.

Toll macht ihr das.

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6 Kommentare zu “Das Problem kommt von links

  1. Menschenfeindliche, Aggressive und solche, die glauben, die Wahrheit zu besitzen (wenn Du das mit „Trottel“ meinst) sind, glaub ich, immer die Lautesten. Das ist wohl eine – von politischer Ausrichtung völlig unabhängige – Konstante der menschlichen Natur.

    Und trotzdem müssen wir (ich meine Leute, denen an Menschenwürde, Rechtsstaat und Demokratie etwas liegt) das aushalten. Darüber die eigene Menschlichkeit zu verlieren, den Rechtsstaat auch nur augenzwinkernd aus denselben zu verlieren, oder diesem Hetzer die Zurschaustellung seiner Meinung zu verweigern, wäre Kapitulation. Nein, auch den Lutz Bachmann darf man nicht bedrohen. Wenn Rechtsstaat und Menschenwürde, dann bitte für alle. Das muss unteilbar sein. Die Grenze kann erst dann erreicht sein, wenn einer den Rechtsstaat beseitigt hat.

    Außerdem: Solchen Leuten noch die Opferrolle – und damit noch mehr Aufmerksamkeit – zuspielen? Und: Was sollten wir montags abends denn besseres machen, als bundesweit mit hunderttausend fröhlichen, bunten, positiven Leuten ein Zeichen zu setzen, das nicht nur gegen diese Pappnasen, sondern vor allem für eine offene und freundliche Gesellschaft steht?

  2. Also ich hätte Montags einige andere Dinge zu tun, ehrlich gesagt. Vor allem würde ich lieber zuhause bleiben als auf ner Demo (oder auf dem Weg hin bzw weg) Prügel von Polizei oder Nazis zu riskieren!

    Davon abgesehen: Ich bin anderer Meinung was das Zurschaustellen der Meinung angeht…so jemandem sollte man keine Plattform bieten. Nicht in Talkshows, nicht in der Presse, nirgends. Ich setz mich ja auch nicht dafür ein, dass die NPD ihre menschenfeindlichen Aussagen verbreiten darf. Warum dann Pegida und Co?

  3. Bei „keine Plattform bieten“ bin ich völlig bei Dir. Das Recht, sich zu äußern allerdings gilt auch für Arschlöcher. Auch für Pegida. Auch für die NPD. Und so weh das tut: Wenn Du das Recht für Dich selbst willst, musst Du auch für deren Recht eintreten – und dann müssen wir halt doch bei Kälte raus und laut und deutlich dagegen zu sein. Aber eben gegen die Meinung und nicht gegen die Freiheit, die Luft damit zu verschmutzen.

  4. Ich setze mich für Meinungsfreiheit ein. Das was NPD, Pegida und Co da von sich geben ist in großen Teilen weit entfernt vom Recht auf freie Meinungsäußerung. Sobald es volksverhetzend, beleidigend und menschenfeindlich wird gilt das nämlich nicht mehr. Ihre Meinung dürfen sie nur dann äußern, wenn sie keinen Straftatbestand erfüllt, was reichlich selten passiert. Wofür sollte ich mich für die also einsetzen?

    Davon abgesehen gehören verfassungsfeindliche Parteien und Vereine (*hint*) endlich verboten, womit diese Diskussion auch ein Stück weit erledigt wäre.

  5. Hallo Alyama,
    ich kann Deine Emotionen schon gut verstehen, aber bitte stelle Dir mal eine Frage:
    Bedeutet es „Gerechtigkeit“ und ist es ein Zeichen für „das Gute“, wenn ein gepeinigter Mensch gegen seine Peiniger die gleichen Methoden und Mittel einsetzt um sie loszuwerden?

    Unser Bauch sagt in Sekundenbruchteilen „Ja“, schon wenn wir noch ganz klein sind, können wir instinktiv mit gleicher Münze „heimzahlen“. Wenn wir dann älter sind erkennen die reif gewordenen unter uns, dass eben diese Eigenschaft eine der wichtigsten Grundlagen für das Elend der Menschheit ist.
    Und es ist immer das Gleiche: Tat, Demütigung, Wut, Rache, …und wieder von vorn.

    Viele Philosophen und Propheten haben das schon erkannt und versucht, die weniger einsichtigen Menschen zu bewegen, sich ganz bewusst gegen diese Emotion und ihre unheilvollen Ergebnisse zu verwehren.
    Mein „Lehrer“ in dieser Thematik ist Jesus, aber in vielen Religionen oder Weltanschauungen gibt es ähnliche.

    Ich kann Dich wie gesagt verstehen, denn auch ich bin ein Mensch und werde nie vollkommen sein und auch Dinge tun, die ich eigentlich besser weiß. Aber ich möchte Dich noch auf etwas aufmerksam machen.

    Wenn man seinem natürlichen Impuls nachgibt, sich nichts gefallen zu lassen und andere mit gleichen Mitteln in die Schranken zu weisen, dann kostet das etwas. In Deinem Beispiel kostet es Dich positive Lebenseinstellung. Du opferst etwas von dem guten Kern in Dir und wirst ein bisschen mehr wie die Menschen, gegen die Du eigentlich etwas tun willst.
    Das ist ein bisschen so wie in Zombiefilmen. Wenn Du Dich beißen lässt, dann wirst Du selbst einer.

    Ich denke dass der größte Teil der Leute, die für radikale Gedanken auf die Straße gehen, eigentlich solche Zombies sind. Sie waren mal „normal“ und auch „in Ordnung“. Aber dann haben sie sich von der Angst beißen lassen und wurden nach und nach aus eigener Angst zu Menschen, vor denen nun andere Angst haben.
    Und Politik hat immer mit Angst zu tun, damit lassen sich Menschen eben am leichtesten manipulieren.

    Wenn Du nicht so sein willst, dann versuche „keine Angst“ zu haben, sondern mache Dir bewusst, dass die lauten Schreihälse nur deshalb so sind, weil sie selbst Angst haben. Das gilt besonders für Menschen, die nach Macht streben, denn sie wollen alles kontrollieren, damit sie vor niemandem mehr Angst haben müssen.

  6. ja der kommentar ist immer noch aktuell und die erzählungen von moonopool und andre bujock kommen einem/einer auch immer wieder unter, was sie aber nicht besser (und schon gar nicht richtiger) macht. ich nenne so etwas christl. demokratiegefasel von leuten, die von dem problem wahrscheinlich nicht betroffen sind. aber nicht alle menschen haben die chance, von den nazis und rassist_innen (,denn nichts anderes sind die leute, die da als pegida auf die strasse gehen) nicht als feindbild erkannt zu werden. und auch wenn es dieser staat mit seinen cops, justiz und geheimdiensten nicht sehen will, üben nazis gewalt aus; überall da wo sie die chance dafür bekommen. und deshalb ist es unsere aufgabe, dafür zu sorgen, daß sie diese chance eben nicht erhalten. und das funktioniert nicht, indem ich den nazi in eine fernsehtalkshow setze und seine rassistische hetze verbreiten lasse, oder indem ich in meiner ach so heilen blase gebetskreise gegen gewalt abhalte und das problem von einem cop lösen
    lassen will, der evtl ein paar stunden vorher menschen am bahnhof kontrollierte, nur weil sie eine andere hautfarbe als die mehrheitsgesellschaft haben.
    nein, gewalt ist nicht toll, sie macht noch nicht einmal spaß, das unterscheidet uns von nazis, sog. rechtspopulist_innen und dem ganzen rest, aber sie ist, wenn sie denn reflektiert eingesetzt wird, ein (wohlgemerkt ein!) mittel, nazis davon abzuhalten,das zu tun, was sie am liebsten tun.
    oder um es kurz zu formulieren: keine gewalt ist auch keine lösung!

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