Wie einer meiner Bekannten zum Amokläufer wurde

Momentan sprechen alle über den Co-Piloten des Germanwings-Flug 4U9525. Es war keine halbe Stunde her dass der Name in einer Pressekonferenz gefallen ist, da wusste das gesamte Internet wer der Mann ist, wo er wohnt, wie er aussieht, welcher Facebook-Account ihm gehört, was er gerne mag und wer seine Familienmitglieder sind – inklusive Fotos und Daten dieser Menschen. Dieser Lynchmob ist furchtbar und erschreckt mich fast genauso sehr wie der Gedanke, dass jemand willentlich ca. 150 in den Tod geflogen haben könnte. Dieser Mob, der im Namen des Co-Piloten Facebook-Seiten erstellt auf denen ein Toter aufs Schlimmste beschimpft wird ist ekelhaft. Und angeheizt wird er von BILD und Co (nein, hier kann man eigentlich keine Medienquelle ausnehmen!) die alles über diesen Menschen veröffentlichen, inklusive – der neueste Tiefpunkt – irgendwelche „geheimen Daten aus Krankenakten“.

Schlimmer noch ist, wieviele Menschen seiner Familie eine Mitschuld geben. Sie hätten ihn nicht fliegen lassen dürfen, hätten andere warnen müssen, etc. Nochmal zum mitklöppeln: Der Kerl war volljährig und nach aussen hin normal. Nur weil jemand mal in therapeutischer Behandlung gewesen sein KÖNNTE heißt das nicht, dass er vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden darf. Zumal wir nach wie vor nur Vermutungen haben was im Cockpit passiert ist. Noch gibt es eine Chance, dass der Sachverhalt anders war als dargestellt. Wer seid ihr, der Familie des Co-Piloten sowas anzutun?

Ich habe in den letzten neun Jahren fast nie darüber gesprochen wie einer meiner Bekannten zum Amokläufer wurde und doch verging kein Tag an dem ich mich nicht gefragt habe was ich hätte tun können um das zu verhindern. Ich wusste nicht ob es in Ordnung ist um jemanden zu trauern der andere Menschen mit in den Tod gerissen hat. Ich wusste nicht, ob ich es hätte verhindern können. Auch nach knapp 10 Jahren stelle ich mir diese Fragen noch. Wir reden hier von einem meiner Bekannten, nicht von einem Familienmitglied und doch fällt es mir heute noch schwer mich mit dem Gedanken was passiert ist anzufreunden. Diesen Menschen den ich kannte in meinem Kopf mit dem Amokläufer den die Presse analysiert hat zusammenzubringen. Ich habe damals einen Bekannten verloren während der Rest der Welt – inklusive der sensationsgeilen Arschlochpresse – sein gesamtes Leben öffentlich auseinandergenommen hat um ein Tatmotiv zu finden. Was mein Bekannter damals getan hat war grausam und er verdient es sicherlich von der Öffentlichkeit gehasst zu werden. Aber das was von seiner Familie und seinen damaligen Freunden übrig ist hat nicht verdient, dass wir zu den Vorwürfen die wir uns selbst machen noch den Lynchmob im Netz brauchen.

Wie muss das erst sein wenn man ein Familienmitglied des Co-Piloten von 4U9525 ist? Haltet euch doch mal ein bisschen zurück. Nicht aus Respekt vor dem Täter, aber aus Respekt vor denen die er hinterlassen hat, die ohne jede Frage genauso fassungslos sind wie ihr.

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