Kandidatenvorstellung in Staig

Da in Staig am Sonntag Bürgermeisterwahl ist, war ich gestern dort auf der Kandidatenvorstellungsveranstaltung (tolles Wort, was?).

Aktuell kandidieren drei Personen: Martin Jung, der aktuelle Amtsinhaber, Michael Eckard von der Nein-Idee (der gestern nicht anwesend war) und Jochen Schmidberger, der für die PARTEI kandidiert. Jochen kenne ich, sowohl von den Piraten als auch von der PARTEI, weswegen ich mich im Vorfeld auf der Veranstaltung kurz im Bürgersaal mit ihm unterhalten habe – das zur Erklärung um vielleicht den späteren Aufruhr zu verstehen.

Moderiert wurde die Veranstaltung von einer Stellvertreterin des Bürgermeisters. Sie bat zu Beginn, dass derjenige Kandidat der sich nicht vorstellt, den Raum verlassen sollte und erklärte außerdem, dass jeder Kandidat 20 Minuten zur Vorstellung bekäme. Zuerst sollte sich Martin Jung vorstellen und Jochen Schmidberger den Raum verlassen. Jochen meinte dazu, dass ihm das sehr recht wäre, weil er so die Rede des Amtsinhabers „nicht mit anhören“ müsse. Hinter mir kamen die ersten „Arrogantes Arschloch!“-Ausrufe.

Nach 20 Minuten wurde der Amtsinhaber durch seine Stellvertreterin vorsichtig darauf hingewiesen, dass die 20 Minuten rum seien, 5 Minuten später kam er dann zum Ende seiner Rede. Etwas inkonsequent aus meiner Sicht, aber ich weiß nicht wie es gewesen wäre wenn Jochen auch überzogen hätte.

Dann kam Jochen an die Reihe und man konnte der Versammlung deutlich anmerken, dass sie mit dem satirischen Stil der PARTEI nichts anfangen konnten. Die ersten zwei Minuten vergingen relativ unaufgeregt, doch spätetens als Jochen anfing das Lorem ipsum „zu improvisieren“ verließ ein Großteil der Anwesenden unter lautem Getöse den Raum. Andere begannen schon vorher immer wieder reinzurufen, wir seien „in Staig, nicht in Dings“ und „was soll der Scheiß?“. Die Stellvertreterin des Bürgermeisters schwieg hierzu, am Ende erklärte sie nur lapidar, die Bürger Staigs verstünden „halt kein Latein“.

Das war der Punkt an dem ich weitestgehend fassungslos war. Man kann Satire verstehen, oder auch nicht. Man kann einen Kandidaten gut finden, oder auch nicht. Aber ein demokratischer Kandidat – und ich halte die PARTEI nunmal für demokratisch – hat in einer Demokratie das Recht sich vorzustellen. Wem das nicht passt, der kann diskret den Raum verlassen, aber unterbrechen, reinrufen und beschimpfen geht gar nicht. Und als Moderatorin einer Veranstaltung nicht einzugreifen wenn genau das passiert halte ich für noch verwerflicher. Ja, die Dame war als Stellvertreterin des Amtsinhabers nicht neutral, genau das ist eben mit ein Problem.

Als nächstes kam die Fragerunde. Es fing mit sehr persönlichen Fragen an Jochen an, die Leute wollten wissen was er „überhaupt arbeite“ und was er „eigentlich beruflich gelernt habe“. Als Jochen erklärte er sei derzeit arbeitssuchend weil es nicht ganz trivial sei in seinem Alter eine Festanstellung zu finden, riefen Leute, in Ulm gäbe es „Vollbeschäftigung“ und wenn er keinen Job hätte läge das „ja wohl“ daran, dass er nicht arbeiten wolle. Bei einer Kandidatenvorstellung fremde Personen derart persönlich anzugehen…respektlos, once again.

Bevor ich meine Frage stellen konnte musste ich genau das loswerden. Dass ja wohl beide Kandidaten verdienen, angehört zu werden, fair behandelt zu werden und nicht persönlich angegangen zu werden. Dass man Satire verstehen kann, oder auch nicht, aber dass Respekt ja wohl ein Grundsatz ist. Und das ich fassungslos bin. Im weiteren Verlauf der Fragerunde meldete sich ein Mann, der sich dann an mich gewendet hat: Was ich mir einbilde, Jochen könne ja wohl keinen Respekt erwarten, wenn er Staig „so respektlos als Dings“ bezeichnet. Er wurde immer lauter, woraufhin ich versucht habe ihn zu unterbrechen um ihm zu sagen, dass es hier gerade nicht um ihn und mich, sondern um die Kandidaten zur Bürgermeisterwahl ginge und wir unsere Differenzen ja später draussen ausdiskutieren könnten. Daraufhin schrie mich sein Nebensitzer an, ich solle jetzt „gefälligst den Mund halten“, wofür er von der Versammlung Applaus bekam. Die Moderatorin meinte auf meine, an sie gerichtete, Frage, ob das hier tatsächlich der Ort für Gespräche zwischen dem Mann und mir wäre, nur, ich solle ihn ausreden lassen. Als er fertig war habe ich beide noch einmal darauf hingewiesen, dass sie das doch nach der Veranstaltung mit mir persönlich besprechen sollen. Haben sie übrigens nicht und ich habe mich noch eine ganze Weile geärgert bis ich verstanden habe, was das für arme Würste waren.

Der Rest der Veranstaltung lief dann relativ vernünftig und ohne größere Zwischenfälle, was wohl auch daran lag, dass Jochen die Fragen relativ humorlos und ernsthaft beantwortete und niemand sich weiter an den Karren gepisst fühlt.

Irgendwann kam noch die Frage, nach dem mangelnden Respekt von Flüchtlingen Frauen gegenüber („jahrtausende alte Tradition der Frauenunterdrückung“) und wie man „in Staig Kölner Verhältnisse“ vermeiden wolle (ja, ernsthaft!)*. Ich habe mir gespart zu erklären, dass wohl in Staig einige Einheimische diese Lektion noch zu lernen haben.

*Um das noch kurz aufzugreifen: In Staig sind derzeit etwa 20 Flüchtlinge untergebracht, bei ca. 3200 Einwohnern, der Helferkreis umfasst dabei mehr Helfer und solche die gerne helfen würden, als Flüchtlinge da sind.

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