Rat an einen „besorgten Vater“

Gestern wurde in sozialen Netzwerk eine Kolumne des Westfalen Blattes verbreitet, in der eine Diplom-Psychologin einem ratsuchenden Vater rät, seine Kinder nicht an der Hochzeit seines Bruders – der einen Mann heiraten wird – teilnehmen zu lassen, um die Kinder nicht zu verwirren. Die Antwort, die besagte Psychologin geschrieben hat war sowas von nicht tragbar, dass das Blatt erst eine halbherzige Erklärung veröffentlicht hat, die Kolumne jetzt aber abgesetzt wurde.

Damit der arme ratsuchende Vater nicht länger überlegen muss wie er mit seinen Töchtern umgeht, möchte ich seinen Leserbrief an das Westfalen Blatt hier beantworten:

Guten Tag Bernhard,

die Antwort, die du in der Kolumne „Guter Rat am Sonntag“ erhalten hast war so zweifelhaft, dass ich – deinen Kindern zuliebe – diesen Text hier schreibe.

Ich finde es großartig, dass dein Bruder und sein Zukünftiger deine Kinder als Blumenmädchen an ihrer Hochzeit einbinden möchten. Kinder lieben es, wenn ihnen an einem wichtigen Ereignis verantwortungsvolle Rollen zugedacht werden und man sie aktiv in das Geschehen einbindet. Weniger großartig finde ich, dass du bisher versäumt hast deine Kinder zu weltoffenen, toleranten jungen Mädchen zu erziehen. Kinder sehen Homosexualität als etwas völlig normales an, sofern Erwachsene ihnen nichts Gegenteiliges erzählen. Da heiratet die Barbie eine andere Barbie und Ken küsst Ken, völlig normal. Wenn nun aber Erwachsene dazwischen kommen und versuchen Kindern das auszureden, dann gerät dieses natürliche Verständnis ins Wanken. Genau das hast du scheinbar getan, sonst wären deine Sorgen deine Töchter könnten durch die Hochzeit deines Bruders verwirrt werden völlig unbegründet. Wenn DU eine Ehe deines Bruders unpassend findest – warum eigentlich? – ist das deine Sache. Du warst vielleicht früher auch nicht gut im Mathe-Unterricht, vielleicht spielst du nicht gerne Basketball oder Basteln ist nicht dein Ding…würdest du das deshalb deinen Kindern aufdrücken? Nein? Warum dann eine Weltsicht von der du weißt, dass sie im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß ist? Vor allem wo dein eigener Bruder homosexuell und offensichtlich konservativ genug ist, die Liebe seines Lebens zu einem „ehrlichen Mann“ machen zu wollen. Du sagst, die Ehe sei eine „ernsthafte Angelegenheit“, womit du völlig Recht hast, umso mehr solltest du dich freuen dass dein Bruder und sein Zukünftiger diese ernsthafte Angelegenheit eingehen und füreinander einstehen wollen!

Und wenn du dich schon nicht deinem Bruder zuliebe mit deinen Kinder zusammensetzen willst um ihnen das Ganze zu erklären, dann tu es deinen Kindern zuliebe. Irgendwann wird vielleicht eine deiner Töchter merken, dass sie selbst homosexuell ist und dann ist es wichtig, dass sie das Bewusstsein hat, dass mit ihr alles in wunderbarster Ordnung ist. Keine Sorge, du musst deinen Kindern nicht die sexuelle Aktivitäten zwischen zwei Männern erläutern (würdest du doch bei Heteros auch nicht!), ein einziger Satz reicht:

„Man kann sich nicht aussuchen wen man liebt und manchmal verliebt man sich in eine Frau, manchmal in einen Mann, das ist normal und völlig in Ordnung so.“

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Rede zum CSD 2014

Da ich darum gebeten wurde, habe ich die Rede für die (Neu-)Ulmer Piraten zum diesjährigen CSD mit dem Motto „Colours of the Danube“ geschrieben. Leider gab es wohl Missverständnisse in der Kommunikation mit dem Verein CSD, weshalb die Rede nicht wie geplant von mir und Jochen gehalten werden konnte. Sehr ärgerlich, aber nicht mehr zu ändern…hier habt ihr den Redebeitrag also einmal zum Nachlesen:

Hallo CSD-ler,

wir haben gute Nachrichten aus anderen Ländern:

In Slowenien hat es die Regierung – anders als bei uns ohne die Beteiligung eines Bundesverfassungsgerichtes – von alleine(!) geschafft, sich auf die Stiefkindadoption zu einigen. Auch  eine eingetragene Lebenspartnerschaft ist hier erlaubt. Ähnlich ist es in Österreich – dem Land, dass zwar spät dran war, aber heute zu den aufgeschlossensten EU-Ländern gehört.

Leider gibt es aber auch schlechte Nachrichten:

In Serbien, Moldawien, Bulgarien und Rumänien ist die Ehe und sogar die eingetragene Lebenspartnerschaft für Homosexuelle nicht erlaubt. In Kroatien ist zumindest eine eingetragene Lebenspartnerschaft seit Juli diesen Jahres möglich.

In der Ukraine wurde 2012 die Gay Parade aufgrund gewaltsamer Übergriffe abgesagt. 2013 wurde sie direkt erstmal gerichtlich verboten.

In Ungarn hat die rechtsextreme Jobbik 2012 Anträge eingebracht, die Homosexualität mit bis zu 8 Jahren Gefängnis bestrafen sollen. 2013 wurde der „Schutz der Familie“ durch eine Verfassungsänderung ausdrücklich auf heterosexuelle Paare beschränkt.

In fast allen dieser Länder ist Diskriminierung dennoch gesetzlich verboten. Die Realität sieht aber – wie so oft – anders aus.

Es ist wichtig, dass wir in die anderen Donauländer schauen. Dass wir aus Deutschland den nötigen Druck aufbauen, um die Situation von Homo-, Bi-, Transsexuellen und Transgender in den anderen Donauländern zu verbessern. Dafür ist es aber auch unerlässlich, dass wir mit gutem Beispiel vorangehen und vor unserer eigenen Haustüre kehren!

Die politische Akzeptanz ist dabei die eine Sache. Ja, es ist wichtig, dass Homosexuelle richtig heiraten dürfen! Aber viel wichtiger ist, die gesellschaftliche Akzeptanz! Die Tatsache, dass auch Homosexuelle, Transmenschen und was es sonst noch so gibt GENAUSO normal sind wie alle anderen.

In Deutschland, selbst in diesem „Land des Fortschritts“, haben Menschen, die nicht in das gesellschaftliche Muster passen schwierige Aussichten. Wir reden von Sportlern, die nicht zu ihrer Homosexualität stehen können, weil sie sonst das Ende ihrer Karriere befürchten müssen. Wir reden von Menschen, die sich eine Scheinidentität aufgebaut haben und hoffen, dass ihr „wahres Ich“ niemals von Freunden und Familie erkannt wird. Wir reden von Jugendlichen, die Angst haben, sich ihren Eltern gegenüber zu outen, weil sie Angst vor deren Reaktion haben. LSBTTIQ heißt in Deutschland erschreckenderweise immer noch: Du kannst deinen Job verlieren. Deine Freunde. Deine Familie. Dein Leben.

Wir reden von einem Land, in dem ein schwuler Bundestagsabgeordneter nicht an der Abstimmung über die Ehe für homosexuelle teilnimmt.

Wir reden von einem Land, in dem Menschen auf die Straße gehen, weil sie nicht wollen, dass ihre – UNSERE! – Kinder in der Schule darüber informiert werden, dass es auch andere Sexualität und Identität als „Hetero, weiblich“ und „Hetero, männlich“ gibt. Diese Menschen demonstrieren gegen  – wörtlich! – „Pornounterricht“ an Schulen.

Diese Menschen, die da zum Beispiel in Stuttgart auf die Straße gegangen sind, sind christlich fundamentalistische Vereine, Vereine von Beatrix von Storch und mit ihr die AfD, katholische Diözesen und andere – teilweise rechte – Organisationen. All diese Menschen hatten kein Problem, Seite an Seite mit Nazis zu demonstrieren. Auch Teile der CDU und der FDP hatten scheinbar kein Problem damit. So hat Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke von der FDP an eben dieses Aktionsbündnis aus Menschenfeinden Grußworte zur Demonstration mitgegeben und bedauerte es, dass er aufgrund eines Parteitages „leider nicht selber teilnehmen“ konnte. Auch vom Fraktionschef der CDU, Peter Hauk, gab es Grußworte. Allein das zeigt, wie tief menschenverachtende Anti-Queer-Propaganda in unserer Gesellschaft verankert ist.

Wir wünschen euch und uns, dass wir noch lange die Energie haben werden, diesen andauernden Kampf fortzuführen. Wir wünschen uns aber auch, dass es irgendwann nicht mehr nötig sein wird, weil es endlich Normalität geworden ist.

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Meine geplante Rede zum CSD Ulm/Neu-Ulm 2013

Ehrlich gesagt nervt es mich. Ich meine, ich stehe gerne hier, feier mit euch allen und quatsch euch die Ohren voll. Aber wenn ich ehrlich sein darf: Dass ich überhaupt hier stehen muss, weil manche Menschen immer noch nicht begreifen wie normal Homosexualität ist…das nervt mich. Ich kann nicht glauben, dass wir im 21. Jahrhundert über eine Gleichstellung der Ehe oder ein Adoptionsrecht für Homosexuelle überhaupt noch diskutieren. Das passt höchstens ins Mittelalter und nichtmal da war es angemessen!

Was geht es den Staat an, was du oder ich in der Hose haben? Warum wird das Geschlecht überhaupt staatlich erfasst? Warum werden Kinder von klein auf in eine bestimmte Geschlechterrolle gepresst? Warum müssen Eltern bei Kindern mit beiden Geschlechtsmerkmalen entscheiden, welchem Geschlecht sie zugehörig „gemacht werden“? Was soll dieser Irrsinn?

Im 21. Jahrhundert sollte auch der letzte endlich begriffen haben, dass Homosexualität etwas völlig normales ist. Jedem steht es frei, sich als Lesbe, als Schwuler, als Mann, als Frau, als Transgender, Eichhörnchen oder was auch immer zu bezeichnen und diese Bezeichnung nach Belieben täglich zu verändern. Dieser Irrsinn muss ein Ende haben!

Daher meine Bitte an euch: Geht wählen. Es sind Menschen wie ihr, deren Stimme so wichtig ist, weil ihre Rechte nicht anständig vertreten werden! Eure Stimme zählt und gemeinsam können wir was bewegen!

Ich möchte außerdem eine Nachricht nach Russland schicken, wo es den Menschen seit einiger Zeit nicht mehr gestattet ist, überhaupt im Beisein Minderjähriger über Homosexualität zu sprechen. Den Menschen dort will ich sagen: Wir stehen auch für eure Rechte auf, bleibt stark! Und Putin, fick dich für deine homophobe Propaganda! Idi na hui! Za prapagandu gomofobii!

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Quotendiskussion

Dieser Artikel wurde in den Blogs von Lisa und Sven veröffentlicht.

In den letzten Tagen findet mal wieder eine Diskussion über Geschlechterquoten statt, an deren Entfachung wir auch nicht ganz unschuldig sind. Im Folgenden möchten wir unsere Position – die Ablehnung von Quoten – daher näher erläutern, Lisa hatte vor einer Weile auch schon detailliert über dieses Thema geschrieben

Warum wir Geschlechterquoten für kontraproduktiv halten

Unserer Meinung nach verdecken Quoten lediglich das Problem, anstatt die Ursache zu bekämpfen. Und wie es so bei versteckten Problemen ist: Sie werden nicht mehr oder nicht ausreichend in der Öffentlichkeit thematisiert und damit nicht nachhaltig gelöst. Im Kern also eine ähnliche Argumentation wie bei Internetsperren.
Wer den wahren Kern der Probleme sehen will muss sich nur umsehen:

  • Gehaltsdifferenzen zwischen den Geschlechtern, selbst bei identischen Tätigkeiten, werden einfach hingenommen.
  • Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes arbeiten 45,6% der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit.
  • Bastelspielzeug für die selbe Altersgruppe hat weniger Teile für Mädchen als für Jungs. Wie soll ein Interesse für Technik entstehen, wenn manche Kinder keine technischen Herausforderungen gestellt bekommen und sie somit in dem Bereich auch weniger Erfolgserlebnisse haben?
  • Erinnert ihr euch noch an die rosa Überaschungseier »für Mädchen«? Die Werbung dafür hat so ziemlich jedes Rollenklischee aus der Mottenkiste geholt. Hier bekommen Mädchen veraltete Rollenbilder vorgelebt.
  • Ungleichbehandlung in der Erziehung von Jungen und Mädchen, wie in der Vergangenheit oftmals kritisiert: Mit Jungen wird zum Beispiel eher gerauft, Mädchen sollen hübsch aussehen und lieb sein.
  • Kinderkleidung für Mädchen gibt es üblicherweise in rosa, hellblau, lila oder manchmal noch in gelb. Jungenkleidung gibt es in blau, rot, grün und braun. Nur sehr selten gibt es Abweichungen hiervon, von klein auf wird suggeriert, es gäbe »Mädchenfarben« und »Jungenfarben«.
  • Für Männer gestaltet es sich oftmals als sehr schwierig, ihr Recht auf Elternzeit in Anspruch zu nehmen. Oftmals hat der Arbeitgeber ein Problem damit. Selbst wenn der Arbeitgeber positiv auf das Vorhaben reagiert, werden Männer gesellschaftlich unter Druck gesetzt und müssen mit vielen negativen Aussagen zurechtkommen.
  • Noch immer gibt es kaum Männer die sich beruflich in die Kinderbetreuung wagen. Hierfür sind nicht zuletzte Eltern verantwortlich, die beinahe jedem Erzieher potenzielles sexuelles Interesse an ihren Kindern unterstellen. Hierdurch fehlen den Kindern Vorbilder in diesem von der Gesellschaft als »frauentypisch« angesehenen Beruf.

Und das ist nur ein Bruchteil der Probleme!

Wir sind uns bewusst, dass es verführerisch erscheint das Problem durch Quoten oberflächlich »einfach zu erschlagen«. Aber: Gelöst wird es dadurch nicht. Eine richtige Lösung wird, so leid es uns tut, noch Jahre oder gar Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Wir können leider ein Problem, das sich über Jahrhunderte entwickelt hat nicht von heute auf morgen lösen. Aber wir können den Grundstein legen und einen Teil dazu beitragen, diese Ungerechtigkeiten Stück für Stück abzubauen.
Wir wollen den Kopf nicht in den Sand stecken und haben deshalb eine Reihe an Punkten, die sich auch teilweise schon im Programm befinden, gesammelt und gebündelt zum kommenden Landesparteitag eingereicht.

Unsere Anträge an den Landesparteitag

* Gemeinsamer Antrag zur Ablehnung von Quoten
* Svens Antrag zum gesetzlichen Lohnausgleich

Artikel der Jungle World

Von dieser Debatte hat auch die Jungle World erfahren. Wobei zumindest der zuständige Redakteur sie offenbar nicht verstanden hat. Und obwohl der Chefredakteur der Inlandsredaktion sich bei Svens Anruf Freitag abend entschuldigt hat und den zuständigen Redakteur gleich informieren wollte, hat sich bis jetzt nichts getan. Also muss er wohl hier richtig gestellt werden. Die Jungle World schrieb:

Die Reaktion kam prompt.Gerade hatte die Berliner Piratenpartei ihre Landesliste für die Bundestagswahl im September aufgestellt, da twitterte sich am Sonntag ihr baden-württember­gischer Parteifreund Sven Krohlas seinen Unmut von der Seele: »Quote war sexistische Kackscheiße, ist sexistische Kackscheiße und wird sexis­tische Kackscheiße bleiben.« Ihn empörte, dass auf der Berliner Liste Frauen auf den ersten vier Plätzen stehen und Männer insgesamt in der Minderheit sind. Im Ländle, wo Krohlas hinter dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden Sebastian Nerz auf dem zweiten Listenplatz steht, wäre eine solche Ungeheuerlichkeit nicht möglich gewesen.

Hierzu stellt Sven fest:

  1. Die Berliner haben eine tolle Liste gewählt: unter den Geschlechtern ausgeglichen, und das ganz ohne eine Quotenregelung. So muss das sein!
  2. Ich hatte und habe keinen Unmut über diese Liste und auch keinen derartigen über Twitter oder sonstwo ausgedrückt.
  3. Da die Liste ohne Quoten zustande gekommen ist ergibt die Schlussfolgerung, dass ich wegen Quoten etwas gegen diese Liste habe absolut keinen Sinn. Nicht einmal ansatzweise.
  4. Zudem habe ich in Baden-Württemberg kein Recht dazu, diese Liste zu kritisieren. Wir haben als Lehre der Nazizeit um Machkonzentrationen zu vermeiden ein föderales System in Deutschland etabliert. Damit ist jedes Bundesland für die Entsendung eigener Vertreter in den Bundestag zuständig. Und das ist gut so.
  5. Auch in Baden-Württemberg haben wir Frauen auf der Landesliste. Leider werden diese aber in den Medien meist nicht namentlich genannt. Warum? An uns liegt das sicher nicht.

Und im weiteren Verlauf des Artikels:

Nur einen Tag zuvor war bereits Lars Pallasch, der Landesvorsitzende der baden-württember­gischen Piratenpartei, zurückgetreten. Er habe »Androhungen von körperlicher Gewalt« erhalten, »und das nicht nur gegen mich, sondern auch gegen meine Familie«, begründete er seine Entscheidung, sowohl vom Amt zurück- als auch aus der Partei auszutreten. Er müsse »leider davon ausgehen, dass diese Drohbriefe von Parteimitgliedern stammen«, da die Schreiben teilweise Interna enthielten. Um seine Nachfolge bewirbt sich nun der eingangs erwähnte Sven Krohlas.

Dieser Abschnitt erweckt den Eindruck, dass Sven etwas mit den Drohungen zu tun hätte oder diese gut heißen würde. Dazu stellt er fest:

  1. Ich habe mit diesen Drohungen nichts zu tun.
  2. Ich lehne jede Form von Gewalt oder Gewaltandrohungen, insbesondere aber nicht nur im politischen Kontext, klar ab! Das habe ich auch erst kürzlich live vor laufender Kamera (ab ca Minute 4:30) deutlich gemacht.
  3. Lars hat meine Kandidatur für den Landesvorstand (als politischer Geschäftsführer) selbst vorgeschlagen.
  4. Er hat auch meinen Tweet mit der Ankündigung, diese Aufforderung anzunehmen und (nach dem Rücktritt von Lars) auf den Vorsitz zu erweitern positiv aufgenommen.

Zum Abschluss eine persönliche Notiz an den Redakteur, der sich offenbar nicht bei Sven melden möchte und den Artikel nicht aktualisiert: Ein kurzer Anruf oder eine kleine Recherche hätten diese journalistische Katastrophe verhindern können. Schade.


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Meine Rede für den OneBillionRising

Laut dem „Index  für menschliche Entwicklung“ zählt das Land in dem wir hier leben zu den „sehr hoch entwickelten Staaten“. In Deutschland darf fast jeder hier lebende Bürger wählen oder einen Führerschein machen, wir haben ein Sozialsystem, das zumindest in der Theorie dazu geeignet ist, jeden aufzufangen, der es nicht alleine schafft. Wir haben flächendeckend  Krankenversorgung und Krieg kennen die allermeisten von uns glücklicherweise nur noch aus Geschichtsbüchern und Erzählungen lang vergangener Tage.

Und trotz all dieser vermeintlich guten Nachrichten hat jeder von uns schonmal Gewalt erlebt. Jeder, es gibt keine Ausnahmen, keine Frau, kein Mann und auch kein Kind. Wer nicht selber Gewalt erfahren hat hat Gewalt gegen andere  erfahren, sei es körperliche oder psychische. Wir fangen erschreckend früh mit der Gewaltspirale an: Wir haben selber Gewalt erfahren, wir  geben sie an unsere Kinder weiter und finden keinen Weg raus aus dem Ganzen.

Es gibt trotzdem auch eine gute Nachricht: Jeder einzelne von uns kann etwas tun! Jeder sollte mit gutem Beispiel vorangehen und lernen, die Welt zu verändern. Lernen, dass es völlig in Ordnung ist, mal wütend zu sein. Lernen, dass es jedem so geht. Lernen, dass es keine Schande ist, darüber zu sprechen. Dass es keine Schande ist zu sagen „ich bin überfordert“ oder „ich weiß nicht weiter“, oder auch „ich habe Angst vor mir selber und dem, was ich vielleicht irgendwann einmal tun könnte“. Wir müssen darüber reden, anderen zuhören und mehr als alles andere die Menschen ernst nehmen, die sich uns anvertrauen, weil sie etwas erlebt  haben, das sie nicht hätten erleben dürfen. Wir dürfen nicht wegschauen! Wir müssen Angebote machen, den Menschen eine Anlaufstelle bieten, an die sie sich wenden können und  wo ihnen geholfen wird, ohne über sie zu urteilen.

Gewalt – ob psychisch oder physisch – darf NIE akzeptiert werden! Keiner Frau gegenüber, keinem Mann gegenüber und niemals gegenüber Kindern! Wir sind diejenigen mit Verantwortung. Wir sind diejenigen, die jetzt eine bessere Welt schaffen können! Ich bin verdammt stolz darauf, heute und in Zukunft Teil dieser Veränderung zu sein. Mein Name ist Lisa und ich bin Pirat.

(Die Folien für meinen morgigen Vortrag sind unter „Links“ zu finden)


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One Billion Rising – Gewalt in unserer Gesellschaft

Am Valentinstag ist es so weit: Der „One Billion Rising“ findet statt, eine Aktion, um auf die alltägliche Gewalt aufmerksam zu machen. Beim „One Billion Rising“ geht es zwar primär um Gewalt gegen Frauen, aber auch Gewalt gegen Männer, Kinder, Queer, Transgender, Migranten (…) ist an der Tagesordnung. Und wir müssen was tun!

Wenn man die Quellen mal durchstöbert, sind die Erkenntnisse die man dabei macht erschreckend:

Das BMFSFJ sagt, jede vierte Frau hat mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt durch einen Beziehungspartner erlebt, Frauen mit Migrationshintergrund haben ein um 38% erhöhtes Risiko von 38%, Gewalt zu erleben. Die Hälfte aller in Deutschland getöteten Frauen wird Opfer ihres aktuellen oder ehemaligen Lebenspartners. 25% der heterosexuellen Männer geben an, schonmal Gewalt in ihrer Beziehung erfahren zu haben, Schätzungen geben an, dass diese Zahl bei Homosexuellen zwischen 12% und 50% liegt. 3/4 aller Deutschen haben in ihrer Kindheit Gewalt erfahren, ca. 15% aller Eltern bestrafen ihre Kinder häufig und schwerwiegend. Nach Selbstangabe(!) haben 2,6% der Mädchen und 0,6% der Jungen sexuelle Gewalt erfahren – die Dunkelziffer dürfte deutlich(!) höher liegen, es gibt in Deutschland etwa 300.000 angezeigte Fälle von sexuellem Missbrauch jährlich. Misshandlungen an Kindern werden zu 60% von Frauen verübt, sexuelle Übergriffe zu 90% von Männern, sagt man.

Ist das erschreckend? Hell, ja! Jeder einzelne Teil davon ist für sich erschreckend, das Gesamtbild lässt einen zweifeln, ob wir als Gesellschaft je einen Status von annähernder Gewaltfreiheit erreichen können.

Soweit die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass jeder etwas ändern kann, jeder einzelne.

Gewalttätiges Verhalten wird in der Kindheit geprägt. Wir lernen in der Kindheit, wie wir mit Frust und Problemen umgehen, wie wir uns ausdrücken. Viel zuviele von uns haben selber Gewalt erfahren und wissen dadurch kaum, wie sie sich mit ihren Kindern anders helfen sollen. Gewalt ist oft Ausübung von Macht, noch viel öfter aber ist sie ein Zeichen von Hilflosigkeit.

Es liegt also an jedem einzelnen, seine Kinder zu besseren Menschen zu erziehen, ihnen beizubringen, dass sie „Nein!“ sagen sollen und müssen, ihnen zuzuhören, sie ernst zu nehmen und ihnen Mut zu schenken. Genauso liegt es aber auch an jedem einzelnen von uns, einzuschreiten, wenn er Gewalt beobachtet und Opfer von Gewalt nicht zu verurteilen. Der erste Schritt zur gewaltfreien Gesellschaft ist der, dass Menschen die Gewalt erfahren haben wissen, dass sie darüber sprechen können. Dass sie ernst genommen werden, dass man ihnen hilft.

Mindestens genauso wichtig ist aber – und das ist der wirklich schwierige Teil! – dass jeder einzelne von uns lernt, dass man sich Hilfe holen kann und muss, ohne verurteilt zu werden. Dass es okay ist, überfordert zu sein. Dass es okay ist, nicht weiter zu wissen. Und dass es okay ist, das auch zuzugeben. Dass er nicht verurteilt wird und dass er Hilfe bekommt.

Ich werde am 14. Februar mit den Ulmer Piraten ein Zeichen setzen und den regionalen „One Billion Rising“ unterstützen. Und ihr?

edit: Grammatikfehler und falsch formulierten Inhalt gefixed.


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Warum ich ein Quotengegner bin

Die Diskussion, warum ich persönlich Quoten ablehne, ist eine Diskussion, die ich – nicht nur im letzten Jahr – schon unzählige Male geführt habe. Meist in Schriftform online und meist wiederhole ich Argumente aus vorhergehenden Diskussionen, sodass ich mir jetzt endlich die Zeit nehmen werde, meine Sicht der Dinge aufzuschreiben, damit beim nächsten Mal ein Verweis hierauf genügt 😉

Es ist nicht so lange her, dass ich Quoten mit Schmerztabletten verglichen habe: Quoten sind für mich eine Bekämpfung der Symptome, keine Bekämpfung der Ursache. Sie mögen vielleicht dafür sorgen, dass das gesellschaftliche Problem weniger ins Auge fällt und die Statistiken hübscher aussehen, aber solange die grundlegenden Ursachen nicht angegangen werden, hat sich in Wirklichkeit nichts verbessert.
Was sind also für mich * die Gründe, warum ich eine Frauenquote ablehne? (* Zu Beginn stand hier mal „kurz zusammengefasst“ oder so…aber der Post ist wesentlich länger geworden als erwartet^^)

Quoten stellen Mann und Frau in der Erziehungsarbeit nicht gleich!
Auch im 21. Jahrhundert werden Kinder nach wie vor in den allermeisten Fällen von ihren Müttern betreut. Das liegt nicht daran, dass wir keine gesetzlichen Grundlagen haben, die Männern ermöglichen, in Elternzeit zu gehen. Nein, das liegt daran, dass viele Männer nicht wissen, dass ihnen dieses Recht zusteht und viele Arbeitgeber keine Toleranz zeigen für Männer, die in Elternzeit gehen wollen („Wenn ich meinem Chef mit Elternzeit komme, kann ich gleich den Schreibtisch ausräumen!“). Dazu kommt dann noch das gesellschaftliche Stigma eines Hausmannes und die Barriere ist perfekt.

Quoten schaffen keine Betreuungsplätze!
Vielen Frauen haben keine Chance, eine Karriere in einem Unternehmen anzustreben, solange sie nach wie vor die Haupt-Erziehungsarbeit leisten und keine Betreuungsangebote für Kinder vorhanden sind. Wir dürfen uns nicht vor der Verantwortung drücken: Es müssen Betreuungsplätze her! Im Zweifelsfall lieber zuviele, als zuwenige! Wir müssen sicherstellen, dass jedes Kind einen Betreuungsplatz bekommt, wenn die Eltern das so wünschen, unabhängig davon ob es 8 Wochen oder 3 Jahre alt ist, oder sogar schon zur Schule geht. Und wenn das auf staatlichem Weg so nicht umgesetzt wird, dann müssen Unternehmen nachziehen. Immerhin haben sie daraus einen großen Vorteil. Das Mindeste wäre wohl, Unternehmen ab einer bestimmten Größe dazu zu verpflichten, Betreuungsplätze entweder anzubieten oder finanziell zu unterstützen.

Quoten verbessern Arbeitszeiten und -bedingungen nicht!
Unternehmen und Personen in Führungsebene müssen endlich einsehen, dass das wichtige Meeting eben nicht mehr abends um 20 Uhr stattfindet. Und dass die standardmäßige, wöchentliche Arbeitszeit eben nicht bei 60 Stunden in der Woche liegt. Unbezahlte Überstunden sind kein Standard. Arbeitszeiten sind ganz oft familienunfreundlich, vor allem in besserbezahlten Positionen. Das darf einfach nicht sein. Auch ein Top-Manager darf und soll ein Leben außerhalb seiner Arbeit haben. Für die Politik (in der bisher Plenar- oder Ausschusssitzungen bis in die frühen Morgenstunden nicht ungewöhnlich sind) muss dies natürlich ebenfalls gelten.

Quoten bringen Frauen in Positionen, nicht die am Besten qualifizierte Person!
Ich habe es politisch bei der ein oder anderen Partei miterlebt: Es stehen mehrere qualifizierte Männer zur Wahl, und ein oder zwei unqualifzierte Frauen. Die Frauen MÜSSEN gewählt werden, man hat ja schließlich eine Quote zu erfüllen. Das stinkt mir. Ich möchte nach Qualifikationen wählen und ich möchte nach Qualifikation gewählt werden.

Quoten diskriminieren Menschen, für die es keine Quote gibt!
Wenn wir anfangen und eine Frauenquote zementieren, dann werden selbstverständlich erstmal Männer ein Stück weit benachteiligt (positive Diskriminierung). Das finde ich nicht gut. Was ich aber noch weniger gut finde, ist, dass wir damit Frauen besonders hervorheben, Menschen mit Behinderungen aber nicht. Wenn wir eine Behindertenquote einführen, haben wir Menschen mit Behinderungen wunderbar unterstützt (zumindest in der Statistik), haben dann aber wiederum noch nicht an LGBT gedacht. Eine LGBT-Quote wiederum…sind wir realistisch: Wir sind nicht in der Lage, Quoten für jede diskriminierte Gruppe einzuführen, zwangsläufig schaffen wir hier also neue Diskriminierung.
(Anmerkung: Natürlich ist der Absatz oben völlig theoretisch zu verstehen. Die sexuelle Orientierung eines Arbeitnehmers geht einen Arbeitgeber nichts an. Jetzt wo ich so drüber nachdenke: Das Geschlecht eigentlich auch nicht…^^)

Quoten geben – zumindest mir – ein schlechtes Gefühl!
Und nochmal: Ich möchte gewählt werden, weil ich die verdammt nochmal beste Person für ein Amt bin. Ich möchte eingestellt werden, weil ich die verdammt nochmal beste Person für einen Job bin. Nicht weil ich Brüste habe, das empfinde ich als Beleidigung. Und ja, einen quotierten Job oder ein quotiertes Amt zu bekommen, hinterlässt automatisch den faden Beigeschmack und die Frage, ob man ohne Quote auch da hingekommen wäre.

Quoten fördern Karrierefrauen!
Als Argument, warum man mehr Frauen in „höheren“ Positionen braucht, wird oft angeführt, dass Frauen eine andere Denkweise haben, andere Erfahrungswerte und andere Herangehensweisen. Das stimmt meinetwegen sogar noch. Das Problem ist nur: Wenn wir nicht an den Ursachen arbeiten, dann bekommen wir nur Frauen über eine Quote in Führungspositionen, die ohnehin eine Karriere angestrebt haben und damit oft nicht anders sind, als die Männer die diese Positionen aktuell innehalten. Wir brauchen aber gerade andere Frauen (und ganz davon abgesehen auch andere Männer) in Führungspositionen. Wenn kinderlose Single-Frauen mit viel Zeit für Überstunden einen Aufsichtsratposten ergattern, ist der Suche nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf und nach einer faireren Verteilung von Erziehungs- und Haushaltsarbeit in keinster Weise geholfen.

Quoten verändern die Kindererziehung nicht!
Ein weiterer – für mich wichtiger – Baustein ist die Kindererziehung. Solange wir, nachgewiesenermaßen, mit Jungs von klein auf anders umgehen und sie anders erziehen als Mädchen, solange wir von Mädchen erwarten, dass sie hübsch und sauber sind und Jungen zu „Lausbuben“ erziehen, so lange brauchen wir uns nicht darüber wundern, dass erwachsenen Frauen oft Durchsetzungsvermögen fehlt. Dass sie sich unterschätzen und wenig Selbstwertgefühl haben. Dass sie in Gehaltsverhandlungen weniger fordern und sich auf viele Stellen oft nichtmal bewerben.

Quoten zementieren staatlich erfasste Geschlechter!
Aktuell wird das Geschlecht eines jeden Bürgers staatlich erfasst. Das mag ich nicht. Dafür gibt es zum einen den Grund, dass ich der Meinung bin dass das Geschlecht nur die Person angeht, um die es geht. Zum anderen finde ich, dass sich jeder, meinetwegen auch gerne täglich von Neuem, überlegen darf, welchem Geschlecht er angehört. Wie realisieren wir hier also eine Frauenquote, wenn ich heute männlich, morgen weiblich bin? Und wieso – um einen Punkt von weiter oben nochmal zu bemühen – muss ich meinem Chef mitteilen, welchem Geschlecht ich mich zugehörig fühle? – „Teile es mit, oder du kriegst die Stelle halt nicht.“?

Was will ich also, um Quoten zu vermeiden und das Problem trotzdem anzupacken? Ich will, dass wir uns damit abfinden, dass Arbeitgeber in den allermeisten Fällen keine sozial denkenden, guten Menschen sind, denen das Wohlergehen der gesamten Menschheit am Herzen liegt. Arbeitgeber sind gewinnorientiert und das müssen sie ja auch. Deshalb ist es an der Zeit, politisch was zu verändern. Politisch verändern geht aber nicht über eine Quote, die es leicht macht, die eigentlichen Probleme unter den Teppich zu kehren, sondern über wirkliche Veränderung: Mehr Betreuungsangebote, mehr Gleichstellung in der Erziehungsarbeit, bessere Arbeitsbedingungen.

Dazu kommt natürlich auch eine gesellschaftliche Veränderung: Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten, so banal das klingt. Jeder kennt das: Mütter die früh wieder arbeiten, sind karrieregeil. Mütter die lange zuhause bleiben, sind Hausmütterchen. Erst wenn wir an einen Punkt kommen, an dem es gesellschaftlich völlig normal wird, als Mann zuhause zu bleiben und als Frau – auch mit Familie – Karriere zu machen (und dass es akzeptiert ist!), dann kann sich was ändern. Und dann brauchen wir auch keine Quoten.

Das Ganze ist natürlich kein Prozess, der in wenigen Wochen, Monaten oder sogar Jahren vonstatten geht. Das Ganze dauert. Aber es hat auch lange gedauert, bis Frauen wählen oder ohne Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten gehen durften. Und es haben trotzdem Leute dafür gekämpft und das Ziel am Ende erreicht.

tl;dr: Ich mag Frauenquoten nicht^^


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