Meine Rede für den OneBillionRising

Laut dem „Index  für menschliche Entwicklung“ zählt das Land in dem wir hier leben zu den „sehr hoch entwickelten Staaten“. In Deutschland darf fast jeder hier lebende Bürger wählen oder einen Führerschein machen, wir haben ein Sozialsystem, das zumindest in der Theorie dazu geeignet ist, jeden aufzufangen, der es nicht alleine schafft. Wir haben flächendeckend  Krankenversorgung und Krieg kennen die allermeisten von uns glücklicherweise nur noch aus Geschichtsbüchern und Erzählungen lang vergangener Tage.

Und trotz all dieser vermeintlich guten Nachrichten hat jeder von uns schonmal Gewalt erlebt. Jeder, es gibt keine Ausnahmen, keine Frau, kein Mann und auch kein Kind. Wer nicht selber Gewalt erfahren hat hat Gewalt gegen andere  erfahren, sei es körperliche oder psychische. Wir fangen erschreckend früh mit der Gewaltspirale an: Wir haben selber Gewalt erfahren, wir  geben sie an unsere Kinder weiter und finden keinen Weg raus aus dem Ganzen.

Es gibt trotzdem auch eine gute Nachricht: Jeder einzelne von uns kann etwas tun! Jeder sollte mit gutem Beispiel vorangehen und lernen, die Welt zu verändern. Lernen, dass es völlig in Ordnung ist, mal wütend zu sein. Lernen, dass es jedem so geht. Lernen, dass es keine Schande ist, darüber zu sprechen. Dass es keine Schande ist zu sagen „ich bin überfordert“ oder „ich weiß nicht weiter“, oder auch „ich habe Angst vor mir selber und dem, was ich vielleicht irgendwann einmal tun könnte“. Wir müssen darüber reden, anderen zuhören und mehr als alles andere die Menschen ernst nehmen, die sich uns anvertrauen, weil sie etwas erlebt  haben, das sie nicht hätten erleben dürfen. Wir dürfen nicht wegschauen! Wir müssen Angebote machen, den Menschen eine Anlaufstelle bieten, an die sie sich wenden können und  wo ihnen geholfen wird, ohne über sie zu urteilen.

Gewalt – ob psychisch oder physisch – darf NIE akzeptiert werden! Keiner Frau gegenüber, keinem Mann gegenüber und niemals gegenüber Kindern! Wir sind diejenigen mit Verantwortung. Wir sind diejenigen, die jetzt eine bessere Welt schaffen können! Ich bin verdammt stolz darauf, heute und in Zukunft Teil dieser Veränderung zu sein. Mein Name ist Lisa und ich bin Pirat.

(Die Folien für meinen morgigen Vortrag sind unter „Links“ zu finden)


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One Billion Rising – Gewalt in unserer Gesellschaft

Am Valentinstag ist es so weit: Der „One Billion Rising“ findet statt, eine Aktion, um auf die alltägliche Gewalt aufmerksam zu machen. Beim „One Billion Rising“ geht es zwar primär um Gewalt gegen Frauen, aber auch Gewalt gegen Männer, Kinder, Queer, Transgender, Migranten (…) ist an der Tagesordnung. Und wir müssen was tun!

Wenn man die Quellen mal durchstöbert, sind die Erkenntnisse die man dabei macht erschreckend:

Das BMFSFJ sagt, jede vierte Frau hat mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt durch einen Beziehungspartner erlebt, Frauen mit Migrationshintergrund haben ein um 38% erhöhtes Risiko von 38%, Gewalt zu erleben. Die Hälfte aller in Deutschland getöteten Frauen wird Opfer ihres aktuellen oder ehemaligen Lebenspartners. 25% der heterosexuellen Männer geben an, schonmal Gewalt in ihrer Beziehung erfahren zu haben, Schätzungen geben an, dass diese Zahl bei Homosexuellen zwischen 12% und 50% liegt. 3/4 aller Deutschen haben in ihrer Kindheit Gewalt erfahren, ca. 15% aller Eltern bestrafen ihre Kinder häufig und schwerwiegend. Nach Selbstangabe(!) haben 2,6% der Mädchen und 0,6% der Jungen sexuelle Gewalt erfahren – die Dunkelziffer dürfte deutlich(!) höher liegen, es gibt in Deutschland etwa 300.000 angezeigte Fälle von sexuellem Missbrauch jährlich. Misshandlungen an Kindern werden zu 60% von Frauen verübt, sexuelle Übergriffe zu 90% von Männern, sagt man.

Ist das erschreckend? Hell, ja! Jeder einzelne Teil davon ist für sich erschreckend, das Gesamtbild lässt einen zweifeln, ob wir als Gesellschaft je einen Status von annähernder Gewaltfreiheit erreichen können.

Soweit die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass jeder etwas ändern kann, jeder einzelne.

Gewalttätiges Verhalten wird in der Kindheit geprägt. Wir lernen in der Kindheit, wie wir mit Frust und Problemen umgehen, wie wir uns ausdrücken. Viel zuviele von uns haben selber Gewalt erfahren und wissen dadurch kaum, wie sie sich mit ihren Kindern anders helfen sollen. Gewalt ist oft Ausübung von Macht, noch viel öfter aber ist sie ein Zeichen von Hilflosigkeit.

Es liegt also an jedem einzelnen, seine Kinder zu besseren Menschen zu erziehen, ihnen beizubringen, dass sie „Nein!“ sagen sollen und müssen, ihnen zuzuhören, sie ernst zu nehmen und ihnen Mut zu schenken. Genauso liegt es aber auch an jedem einzelnen von uns, einzuschreiten, wenn er Gewalt beobachtet und Opfer von Gewalt nicht zu verurteilen. Der erste Schritt zur gewaltfreien Gesellschaft ist der, dass Menschen die Gewalt erfahren haben wissen, dass sie darüber sprechen können. Dass sie ernst genommen werden, dass man ihnen hilft.

Mindestens genauso wichtig ist aber – und das ist der wirklich schwierige Teil! – dass jeder einzelne von uns lernt, dass man sich Hilfe holen kann und muss, ohne verurteilt zu werden. Dass es okay ist, überfordert zu sein. Dass es okay ist, nicht weiter zu wissen. Und dass es okay ist, das auch zuzugeben. Dass er nicht verurteilt wird und dass er Hilfe bekommt.

Ich werde am 14. Februar mit den Ulmer Piraten ein Zeichen setzen und den regionalen „One Billion Rising“ unterstützen. Und ihr?

edit: Grammatikfehler und falsch formulierten Inhalt gefixed.


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