Wie einer meiner Bekannten zum Amokläufer wurde

Momentan sprechen alle über den Co-Piloten des Germanwings-Flug 4U9525. Es war keine halbe Stunde her dass der Name in einer Pressekonferenz gefallen ist, da wusste das gesamte Internet wer der Mann ist, wo er wohnt, wie er aussieht, welcher Facebook-Account ihm gehört, was er gerne mag und wer seine Familienmitglieder sind – inklusive Fotos und Daten dieser Menschen. Dieser Lynchmob ist furchtbar und erschreckt mich fast genauso sehr wie der Gedanke, dass jemand willentlich ca. 150 in den Tod geflogen haben könnte. Dieser Mob, der im Namen des Co-Piloten Facebook-Seiten erstellt auf denen ein Toter aufs Schlimmste beschimpft wird ist ekelhaft. Und angeheizt wird er von BILD und Co (nein, hier kann man eigentlich keine Medienquelle ausnehmen!) die alles über diesen Menschen veröffentlichen, inklusive – der neueste Tiefpunkt – irgendwelche „geheimen Daten aus Krankenakten“.

Schlimmer noch ist, wieviele Menschen seiner Familie eine Mitschuld geben. Sie hätten ihn nicht fliegen lassen dürfen, hätten andere warnen müssen, etc. Nochmal zum mitklöppeln: Der Kerl war volljährig und nach aussen hin normal. Nur weil jemand mal in therapeutischer Behandlung gewesen sein KÖNNTE heißt das nicht, dass er vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden darf. Zumal wir nach wie vor nur Vermutungen haben was im Cockpit passiert ist. Noch gibt es eine Chance, dass der Sachverhalt anders war als dargestellt. Wer seid ihr, der Familie des Co-Piloten sowas anzutun?

Ich habe in den letzten neun Jahren fast nie darüber gesprochen wie einer meiner Bekannten zum Amokläufer wurde und doch verging kein Tag an dem ich mich nicht gefragt habe was ich hätte tun können um das zu verhindern. Ich wusste nicht ob es in Ordnung ist um jemanden zu trauern der andere Menschen mit in den Tod gerissen hat. Ich wusste nicht, ob ich es hätte verhindern können. Auch nach knapp 10 Jahren stelle ich mir diese Fragen noch. Wir reden hier von einem meiner Bekannten, nicht von einem Familienmitglied und doch fällt es mir heute noch schwer mich mit dem Gedanken was passiert ist anzufreunden. Diesen Menschen den ich kannte in meinem Kopf mit dem Amokläufer den die Presse analysiert hat zusammenzubringen. Ich habe damals einen Bekannten verloren während der Rest der Welt – inklusive der sensationsgeilen Arschlochpresse – sein gesamtes Leben öffentlich auseinandergenommen hat um ein Tatmotiv zu finden. Was mein Bekannter damals getan hat war grausam und er verdient es sicherlich von der Öffentlichkeit gehasst zu werden. Aber das was von seiner Familie und seinen damaligen Freunden übrig ist hat nicht verdient, dass wir zu den Vorwürfen die wir uns selbst machen noch den Lynchmob im Netz brauchen.

Wie muss das erst sein wenn man ein Familienmitglied des Co-Piloten von 4U9525 ist? Haltet euch doch mal ein bisschen zurück. Nicht aus Respekt vor dem Täter, aber aus Respekt vor denen die er hinterlassen hat, die ohne jede Frage genauso fassungslos sind wie ihr.

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Warum eine Ohrfeige noch jedem Kind geschadet hat

Gestern wurde in meiner Timeline ein Bild gepostet, in dem es darum ging, dass wir ja alle Helden sind weil wir Kassetten von Hand zurückgespult haben, ohne Helm Rad gefahren sind, die Ohrfeigen unserer Eltern akzeptiert und trotzdem überlebt haben. Mir dreht sich immer der Magen um wenn jemand „harmlose“ Dinge wie das Zurückspulen einer Kassette mit einem Stift in einen Topf wirft mit den Ohrfeigen der Eltern. Ersteres ist „Früher-war-alles-besser“-Nostalgie. Halte ich für Unsinn, aber ungefährlichen Unsinn. Letzteres ist Verherrlichung von Gewalt an Kindern. Wenn man dem gegenübertritt kommen dann meistens Sätze wie „eine Ohrfeige schadet nicht, uns hat es ja auch nicht geschadet“. Ich konnte meine Klappe gestern nicht halten und bin dem gegenüber getreten, eigentlich nur um darauf hinzuweisen, dass man solche Dinge nicht in einen Topf werfen sollte. Die Reaktion die darauf kam…damit konnte ich nicht rechnen. Nicht im Jahr 2015, wo körperliche und psychische Gewalt gegenüber Kindern seit 15 Jahren GESETZLICH verboten ist.

Erstmal zum allgemeinen Verständnis warum ich gerade so fassungslos bin und diesen Beitrag gerade schreibe ein Screenshot der Diskussion:

Diskussion

Worüber wir überhaupt gar nicht diskutieren müssen ist die Tatsache, dass psychische Gewalt NIE in Ordnung ist. Man darf Kinder nicht unter Druck setzen, sie ignorieren, ihnen die Liebe entziehen oder ihnen auch nur damit drohen. Damit macht man so viel kaputt, was man niemals wieder gutmachen kann. Trotzdem ist eine Ohrfeige, „den Hintern voll“ oder auch nur ein Klaps nicht weniger schlimm, richtet nicht weniger Schaden an.

Durch Gewalt lernen Kinder keinen Respekt!

Kinder lernen Respekt zu haben, indem man ihnen mit Respekt und auf Augenhöhe begegnet. Gewalt trägt keinen Teil dazu bei, oder schlagt ihr eure Lebenspartner und Menschen im Supermarkt, um ihnen Respekt beizubringen oder weil sie euch nerven?! Ein Kind zu schlagen ist (genau wie bei jedem anderen Menschen übrigens auch) respektlos. Man zeigt dem Kind damit, dass man am längeren Hebel sitzt und nicht davor zurückschreckt das auszunutzen. Man zeigt dem Kind, dass Gewalt in Ordnung ist, wenn man der Stärkere ist.

Man bringt Kindern damit nicht bei, Situationen zu verstehen, zu verstehen was sie nicht so gemacht haben wie Erwachsene es gerne gehabt hätten. Im Gegenteil, man bringt Kindern bei aus Angst zu gehorchen und nicht etwa aus Verständnis. Gewalt ist demütigend für die Kinder und ein Armutszeugnis für die Eltern!

Und „verdient“ hat schon gar kein Kind Ohrfeigen, Klapse oder was auch immer. Entgegen der weit verbreiteten Meinung sind Kinder keine Nervensägen um uns Erwachsene auf die Palme zu bringen, sondern einfach nur Kinder, die noch nicht alles auf der Welt bis ins Genaueste gelernt haben. Sie brauchen Geduld unsererseits, Liebe, wir müssen ihnen den Rücken stärken und immer offene Arme geben, egal wie sie sich verhalten haben. Und wenn ein Kind die gesamte Wand angemalt hat, dann vielleicht nicht weil es schauen will ob es dafür Prügel bekommt oder nicht, sondern einfach nur weil der große Kirchturm vielleicht nicht auf ein normales Blatt Papier gepasst hat. Kinderlogik ist anders als Erwachsenenlogik und es liegt in unserer Verantwortung Kindern das vernünftig zu erklären und dafür zu sorgen, dass sie – als Erwachsene – auch bei Erwachsenenlogik angekommen sind und der Kirchturm aufs Papier passt wenn man ihn kleiner malt.

Keiner sagt, dass Kindererziehung einfach ist und Kinder immer lieb und nett sind. Sind wir ehrlich: Kinder können verdammtnochmal nerven bis zum Umfallen und jeder Elternteil der sagt er käme nie an seine Grenzen lügt wie gedruckt! Und gerade deshalb ist es unsere Aufgabe diese nervenden kleinen Quälgeister dabei zu begleiten zu wunderbaren Erwachsenen zu werden,  ohne wie-auch-immer-geartete Gewalt.

Früher haben wir Ohrfeigen bekommen. Wir sind aber auch ohne Gurt und ohne Fahrradhelm gefahren…wir wissen heute, dass das falsch ist und machen es deshalb anders. Wird Zeit, dass wir auch bei körperlicher Gewalt im Hier und Heute ankommen.

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Keine Parteipolitik mehr für mich

Nach langer Überlegungszeit habe ich entschieden, der Parteipolitik den Rücken zuzukehren und bin gerade eben bei den Linken ausgetreten. Dafür gibt es einige Gründe, sowohl politisch als auch persönlich, auf die ich versuchen will näher einzugehen.

Der linke Kreisverband in Ulm hat nach aussen den Ruf ein völlig zerstrittener Haufen zu sein, das wusste ich von Anfang an. Ich hatte aber auch Hoffnung, dass man politisch zusammen was erreichen kann. Ich meine, keiner in dem Laden muss den anderen heiraten oder gern haben, es geht rein darum gemeinsam an etwas zu arbeiten. Da habe ich falsch gedacht. Mit einer Person – die offensichtlich für den Kreisvorstand aus persönlichen Gründen ein rotes Tuch ist – habe ich in der Vergangenheit gut zusammengearbeitet und mein Ziel war es, das auch weiterhin zu tun. Allein das hat wohl mit dafür gesorgt, dass ich im Kreisverband kindischerweise nicht vernünftig aufgenommen wurde. Meine Hilfsangebote wurden abgeschmettert („…wir machen das schon selber…“), meinen Anregungen mit Arroganz begegnet („…wir sind hier nicht bei den Piraten…“) und wenn ich normale Fragen gestellt habe wurde mir von Vorstandsmitgliedern Boshaftigkeit unterstellt und dass ich versuche, Mitglieder des Vorstandes „zu beschädigen“. Wozu auch immer ich das tun sollte. Im gleichen Atemzug hat wohl ein (Vorstands-)Mitglied aus Neu-Ulm meinen Twitter-Account verfolgt um beim Landesvorstand anzurufen und sich darüber zu beschweren dass ich mich erdreistet habe zu twittern dass etliche Tage nach der Vorstandswahl immer noch nicht öffentlich ist, wer gewählt wurde (ich werde mich jetzt nicht darüber auslassen dass das MEIN Twitteraccount ist auf dem ICH poste was ICH will…).

Nochmal und in aller Deutlichkeit: Ich will politisch arbeiten, nicht mir mit persönlichen Streitereien die Zeit um die Ohren schlagen, dazu ist sie mir zu kostbar! Was mich zu den persönlichen Gründen für meine Entscheidung bringt.

Politik heißt immer Zeit investieren, ohne geht es nicht. In der Vergangenheit habe ich das mal mehr und mal weniger gerne getan, aber ich habe es getan. Mein Kind war oft dabei und hatte großen Spaß daran das Aufmerksamkeits- und Süßigkeitenprogramm zu genießen. Aber irgendwann wird es dennoch zuviel. Im August wird unser zweites Kind auf die Welt kommen und spätestens dann wäre ohnehin erstmal Schluss gewesen. Mit zwei Kindern, Mann und Job wirds schwierig wenn man allem gerecht werden möchte.

Die Priorität setze ich hier klar bei meiner Familie und nirgendwo anders.

Natürlich stehe ich weiterhin hintern den Zielen der Linken auf Bundesebene und werde sie da auch wählen, keine Frage. Aber dafür muss ich kein Parteimitglied sein, dann kann ich das Geld für die Mitgliedschaft meiner Familie zukommen lassen und meine Nerven schonen. Denn das ist der Hauptgrund: Diese sinn- und hirnlosen Streiteren kosten mich Nerven, die ich nicht mehr bereit bin zu investieren.

Ich werde daher auch keiner anderen Partei beitrete (wüsste eh nicht welcher!), weder jetzt noch später.

So long, and thanks for all the fish!

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Das Leben in einer Asylbewerberunterkunft

Immer wieder höre und lese ich, wie gut es Asylbewerber in Deutschland haben und dass sie in Luxusunterkünften untergebracht sind. Der erste Teil dieser Annahme stimmt: Verglichen mit ihrem Heimatland aus dem sie geflohen sind haben Asylbewerber es hier (meist) gut. Sie müssen nicht unbedingt um ihr Leben fürchten, bekommen etwas zu essen und haben ein Dach über dem Kopf. Natürlich gibt es – nicht gerade wenige – Ausnahmen hiervon, nämlich dann wenn rechte Spinner diesen Menschen das Leben schwer machen. Aber darum solls hier ausnahmsweise mal nicht gehen.

Mir geht es heute um Asylbewerberunterkünfte und den angeblichen Luxus dort. Ich habe in einer dieser Unterkünfte gewohnt. Nein, ich war dort nicht zu Besuch und hatte auch keine Option wieder zu gehen wenn mir was nicht passt. Für die kurze Spanne eines Monats war die Asylbewerberunterkunft in der Ulmer Römerstraße mein Zuhause. Mein Kind war damals gerade zehn Monate alt und wir kamen aus einem anderen Land nach Deutschland. Aus Mangel an einer Unterkunft bekamen wir kurzerhand ein Zimmer in der Römerstraße zugeteilt, dass eben gerade frei war mit der Zusage dass wir hier bleiben könnten bis sich eine Wohnung für uns findet. Wir waren keine Flüchtlinge, hatten also abgesehen von der Unterkunft keine größeren Sorgen. Ich hatte mein eigenes Bargeld, konnte Essen für uns kaufen, wir hatten ein bisschen was an Kleidung, ein paar Spielsachen, eine Busfahrkarte und vor allem Freunde und Familie. Im Vergleich zu den Asylbewerbern dort waren wir reich.

Unser Zimmer war in einer 3-Zimmer-Wohnung mit einer Küche und zwei Waschräumen im 5. Stock. Wir hatten das große Glück das größte Zimmer mit ca. 15qm zu bekommen. Normalerweise sind in diesem Zimmer mehrere Leute untergebracht, wir hatten es für uns allein. Im Zimmer waren zwei Einzelbetten mit einem Drahtgeflecht als Lattenrost, ein Metallspind für unsere Habseligkeiten, ein Tisch und zwei Stühle. Auch die Küche war sehr einfach, nicht besonders sauber, aber ansich benutzbar, wenngleich kaum Geschirr da war. Im Bad drückte nach jedem zweiten oder dritten Toilettengang die Sch**** nach oben, sodass wir bis in den Flur die Brühe stehen hatten und jemand zum Abpumpen kommen musste. Putzen musste ich das natürlich selber, es wurden nur die Rohre frei gemacht. Wer schonmal Waschmaschinen von unten geputzt hat während er bis zum Knöchel in Fäkalien stand weiß, wie nett das ist, vor allem mit einem Baby dass nebenbei durch die Räume krabbelt und gerne wissen will was Mama macht.

Wie schon erwähnt war das Zimmer im 5. Stock. Von Anfang an wurde mir erklärt, dass ich auf keinen Fall meinen Kinderwagen unten stehen lassen darf, das sei nicht gestattet, das Treppenhaus biete keinen Platz dafür. Entweder müsse ich ihn im Schnee draussen lassen oder ihn mit ins Zimmer nehmen. Ich habe also jeden Tag Kind und Kinderwagen in den 5. Stock getragen. Geht schon irgendwie, klar, machen andere Leute ja auch.

Die Heizung durften wir nicht selbst regulieren. Sie war prinzipiell in allen Räumen auf Stufe 5. Wer wollte dass die Heizung runtergedreht wird musste im Büro Bescheid geben dass der Hausmeister kommt, der kam dann im Laufe des Tages und hat die Heizung mit dem dafür benötigten Schlüssel runtergedreht. Wollte man es wieder warm haben musste man das Gleiche nochmals tun. Was die praktische Lösung war? Die Heizung stand halt auf Stufe 5 und alle Fenster waren offen. Was sonst? Ich mein, wer rennt mehrfach zum Hausmeister weil zu heiß, zu kalt, zu…?

Von mir wurde erwartet, dass mein Kind und ich diverse Untersuchungen bei diversen Ärzten wahrnehmen um ansteckende Krankheiten von vornherein zu vermeiden. Nachweise und Ergebnisse dieser Untersuchungen mussten selbstverständlich beim Büro abgegeben werden, nix mit Privatsache.

Gekostet hat dieses Zimmer übrigens etwa 800 Euro im Monat, dazu kamen ca. 80 Euro für Heizkosten. Die Kosten wurden in unserem Fall zum Großteil vom Jobcenter übernommen und an die Stadt bezahlt.
(edit: Kein Tippfehler. Ich finde die Rechnung leider gerade nicht, sonst hätte ich sie hier eingestellt.)

Ja, ich bin dankbar dass wir ein Dach über dem Kopf hatten bis wir eine Wohnung gefunden haben und ich weiß, wie privilegiert wir waren, dass wir dort nur einen Monat wohnen mussten. Ich kann aus erster Hand bestätigen dass diese Unterkünfte KEIN LUXUS sind, im Gegenteil! Es fehlt an allen Ecken und Enden um das Leben dort lebenswert zu gestalten. Man darf nie vergessen, dass Asylbewerber dort Monate, manchmal Jahre verbringen und das ohne Perspektive. Ohne zu wissen wann sie da rauskommen und wohin es für sie geht. Wir sollten diesen Menschen keine Ablehnung entgegenbringen, sondern Respekt und Unterstützung.

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Das Problem kommt von links

Ich mag nicht mehr. Ich fand Politik schon lange nicht mehr so ermüdend wie jetzt aktuell. Da prügeln sich Neonazis durch die Städte, Asylbewerber werden umgebracht, Flüchtlingsunterkünfte brennen, Moslems leben in Angst vor Gewalt…aber das Problem das alle zu sehen meinen kommt von links. Hauptsache man ist auf dem rechten Auge schön blind und kann den Linken unterschieben sie seien gewalttätig, gefährlich und arbeitslos. Und natürlich vom Staat finanziert, falls ich das vergessen hatte zu erwähnen.

Mir ist vor einiger Zeit aufgefallen, dass in sozialen Netzwerken unheimlich viele Gewaltandrohungen von „Patrioten, aber keine Nazis“ gegen Ausländer, Politiker und Linke kommen. Erst saß ich kopfschüttelnd da und habe den Rotz weggeklickt, dann habe ich angefangen, diese Beiträge zu sammeln. Aber wirklich nur die, die mir zufällig irgendwie angespült werden, ich wollte nicht gezielt nach diesen Sachen suchen. Seit November sind das 90 Screenshots mit Gewaltandrohungen, Volksverhetzung, Ausländerhass, Beleidigungen und Antisemitismus. Einen Höhepunkt hat das Ganze erreicht, als der aus Eritrea stammende Khaled Idris Bahray letzte Woche in Dresden tot aufgefunden wurde. Die harmloseren Sachen waren da noch Sätze wie: „Einer weniger für den wir zahlen müssen!“ Aber das Problem kommt ja von links und ist staatlich finanziert, falls ich das vergessen hatte zu erwähnen.

Ich war immer jemand, der Gewalt abgelehnt hat. Ich wollte gegen Neonazis aufstehen, Rassisten blockieren, dafür sorgen, dass Antisemiten keine Plattform kriegen. Ich wollte dabei nie Gewalt anwenden. Nichts am letzten Satz hat sich geändert, ich sehe das heute noch so. Was sich geändert hat ist meine Reaktion auf Gewalt die Andere gegen Neonazis, Rassisten, „besorgte Bürger“ und Antisemiten verüben. Früher hätte ich das mal verurteilt, wenn ich heute lese, dass es Morddrohungen gegen den Pegida-Organisator und Neonazi Lutz Bachmann gibt dann zucke ich mit den Schultern und innerlich grinse ich vielleicht auch ein bisschen und denke mir, dass es um den Kerl wirklich nicht schade wäre. Ich will nicht so sein, aber ich bin so geworden. Gegen rechte Mühlen anzulaufen die noch dazu durch die Polizei gedeckt und durch die Politik gekuschelt werden („Wir müssen in den Dialog mit Pegida treten“) hat mich radikalisiert.

Ich glaube immer noch nicht, dass diese Trottel die Mehrheit sind – die Pegida-Gegendemonstrationen zeigen das auch ganz klar – aber diese Trottel sind laut, so verdammt laut. Manchmal mache ich mir noch die Mühe mit Fakten gegen solche Leute vorzugehen, aber eigentlich bin ich resigniert und habe aufgegeben.

Und dann sehe ich, was für mediale Aufmerksamkeit diese Leute kriegen. Da werden AfD und Pegida zu Jauch eingeladen. Da bringen Spiegel, Stern und Focus tolle „Wie gefährlich ist der Islam wirklich?“-Titelthemen. RTL schmuggelt einen Reporter zu Pegida und lässt ihn Nazi-Parolen brüllen. Da streut die BILD-Zeitung ausländerfeindliche Saat und wundert sich, wenn diese aufgeht. Da kommt die Polizei-Gewerkschaft an und meint, alle Antifa-Aktivisten hätten ihr Recht auf Versammlungsfreiheit verwirkt weil sie gewalttätig sind. Und die Rechten kraulen sich gegenseitig die Eier weil das Problem ja von links kommt und staatlich finanziert ist.

Toll macht ihr das.

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Eine neue politische Heimat

Schon seit ich die Piraten verlassen habe wollte ich wieder politisch aktiv werden. Anfangs war es mir genug, ohne Partei was zu tun. Ich war völlig ausgebrannt nach der Bundestagswahl und war weitestgehend resigniert was Parteipolitik anging. Nachdem einige Wochen und Monate ins Land gezogen waren, wurde aber immer deutlicher, dass ich irgendwann wieder einer Partei angehören möchte. Man kann als Parteimitglied mehr bewegen, man steht in einer Linie mit Menschen, die eine ähnliche Überzeugung wie man selber haben, man kämpft gemeinsam für die Sache an die man glaubt, man weiß, man ist nicht alleine.

Insgeheim hatte ich glaube ich, noch eine ganze Weile gehofft, dass es irgendwann einen Weg zurück zu den Piraten gibt. Die Piraten waren einfach meine erste politische Heimat, ich habe viel Zeit und Kraft in dieses Projekt gesteckt und es war kein leichter Schritt für mich auszutreten. Im Gegenteil: Ich habe die Piraten auch nach meinem Austritt nochmal gewählt, ich wollte einfach so sehr, dass die vielen (fähigen!) Menschen die noch dort geblieben sind eine Chance bekommen.

In den letzten Wochen wurde mir immer klarer, dass eine Rückkehr zu den Piraten keine Option ist. Die Positionen der Piraten kommen nur noch auf dem Papier – und auch da eher vage – an meine Positionen ran.

Ich hatte einen kurzen Blick in Richtung dieser neuen sozialliberalen Partei ehemaliger FDP-ler gewagt. Vielleicht wird da ja was Vernünftiges draus? Oder doch die Linken? Die wichtigste Fragen in meiner Entscheidung wie es weitergeht waren dabei, wie das Programm einer Partei sein muss, damit ich mich damit identifzieren kann und wie die Partei selber sein muss. Mir war von Anfang an klar, welche Parteien für mich absolut nicht in Frage kommen und das war glücklicherweise die Mehrzahl: Konservativ bis rechtspopulistisch geht gar nicht, die SPD hat leider nur einen kleinen Teil vernünftiger Linker, die FDP hat einen Dachschaden, die Grünen würden meiner Meinung nach alles verraten um regieren zu dürfen. Was bleibt da noch?

Programmatisch muss ich klar sagen, dass ich bei den Linken zufrieden bin. Die Linken waren die Partei die ich vor den Piraten gewählt habe und das nicht grundlos. Die neue sozialliberale Partei hat noch kein Programm, das meine Entscheidung beeinflussen kann. Das Selbstverständnis der Partei klingt gut, aber die Sache mit den ehemaligen FDPlern macht mir Bauchweh. Und: Eine zweite Linke braucht irgendwie auch kein Mensch, wozu denn?

Und die Partei selber? Ich will nicht nochmal Zeit und Kraft in etwas investieren, was am Ende in Scherben liegt weil es keine Zukunft hat. Ich sehe, wieviel ich bei den Piraten getan habe und wieviel davon durch andere eingerissen wurde. Ich möchte eine Partei mit etablierteren Strukturen. Eine Partei, die sich ein kleines Stück weit selbst gefunden hat. Eine Partei, die ihren Weg und ihre Ausrichtung kennt. Ich möchte nicht noch einmal von vorn anfangen und am Ende sehen wie mein „Baby“ an irgendwelchen Idioten scheitert bevor es eine realistische Chance hatte.

Meine Zeit bei den Piraten war toll, ich habe viel gelernt, politisch und persönlich. Ich habe (leider) viele fähige Menschen zurückgelassen, von denen ich nach wie vor hoffe, dass sie den Karren aus dem Dreck ziehen können und politisch was bewegen. Menschen von denen ich denke, diesem Land würde es mit ihnen in politischen Positionen deutlich besser gehen. Meine Zeit bei den Piraten hat mir aber auch verdeutlicht, wo meine politische Heimat wirklich liegt: Ziemlich weit links.

Ich habe gestern, am 15. September 2014, meinen Mitgliedsantrag an DIE LINKE ausgefüllt um mit ihnen zusammen die Welt ein bisschen besser zu machen 😉

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Pfandkisten für Ulm

Schon länger wird in vielen Städten über Möglichkeiten diskutiert, Behältnisse für Pfandflaschen an geeigneter Stelle anzubringen, damit diese in der Innenstadt nicht mehr im Müll landen. Auch in Ulm wurde neulich – zu meiner Überraschung sogar von der CDU und der SPD – ein Antrag an den Bürgermeister gestellt.

Es dauerte nicht lange, bis von Seiten der Entsorgungsbetriebe Zweifel an den Pfandkisten/Pfandringen aufkamen. Auch in anderen Städten ist die Rede von „Verkehrsgefährdungen“, „Vandalismuszielen“ und Ähnlichem. Viele Menschen behelfen sich aktuell damit, ihr Pfand neben die Mülleimer zu stellen. Auch diese Lösung sehen die Entsorgungsbetriebe in Ulm nicht gerne, was ich sogar verstehen kann.

Sind wir ehrlich zueinander: Wir werden „Pfandsammler“ nicht davon abhalten können Pfand zu sammeln. Warum auch? Wir können sie aber davon abhalten, im Müll zu wühlen. Das ist nämlich erniedrigend und vor allem gefährlich. Zumal es bei den meisten Mülleimern auch schwierig ist, weil man nur schwer drankommt durch den „Deckel“ der ein paar Zentimeter über dem Eimer angebracht ist. Dazu kommt, dass Pfandflaschen in diesen Müllbehältern ohnehin nichts zu suchen haben.

Zum Punkt: Mir persönlich dauert das mit dem Antrag an den Bürgermeister zu lang und die zögerliche Aussage der Entsorgungsbetriebe lässt mich zweifeln, dass in Ulm da was passiert. Warum also nicht selber Hand anlegen? Ein paar Mitglieder der örtlichen Piraten angehauen, gefragt ob die mitziehen, positive Antwort, los gehts.

Gestern haben die (zugegeben provisorischen) Pfandkisten ihren Weg in die Innenstadt gefunden. Diese Aktion ist, das ist uns hoffentlich allen bewusst, symbolisch. Wir können, wollen und werden nicht die ganze Stadt mit professionell gestalteten Kisten bereichern. Das ist auch nicht unsere Aufgabe. Wir wollten zeigen, dass es geht. Dass es nicht die Welt kostet. Dass das Angebot wahrgenommen wird. Und vor allem: Dass die Argumente dagegen nicht stichhaltig sind.

In der Ulmer Innenstadt hängen seit gestern 5 wunderschöne Pfandkisten. Und genutzt wurden sie schon, als wir gerade mit dem Anbringen fertig waren.

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Lizenz Bilder: CC-0

(An dieser Stelle: Danke an D., die in mühevoller Arbeit die Kisten besorgt hat und sich gerade durch 45l Mineralwasser trinkt!)

edit: Die Entsorgungsbetriebe haben die Kisten mit einer fadenscheinigen Erklärung wieder abgehängt. „Nicht geeignet“ (ohne Begründung) und es wird klar, dass die Entsorgungsbetriebe die Pfandflaschen wohl selber wieder „dem Kreislauf zuführen“ (sprich: Das Geld einstecken?).

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